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Die Abrissbirne von Tokio

Es war eine Augenweide. Auch japanische Besucher hatten das traditionelle Holzhaus neben dem Apartmenthaus, in dem ich wohne, immer bewundert.

Es war eine Augenweide. Auch japanische Besucher hatten das traditionelle Holzhaus neben dem Apartmenthaus, in dem ich wohne, immer bewundert. Gebaut in der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) von einem Firmenboss der Mitsui-Gruppe gehörten ein altes Speichergebäude aus Holz und ein schöner, kleiner Garten mit Pflaumenbaum und zwei Steinlaternen dazu. Die alte Bewohnerin, eine Nachfahrin des Firmenbosses, hatte den Garten trotz ihrer Rückenprobleme in rührend langsamem Tempo in Schuss gehalten. Doch nun ist sie gestorben, und Bagger haben die Oase des alten Japan direkt in meiner Nachbarschaft ruckzuck abgerissen. Innerhalb von drei Monaten soll ein zweistöckiges Fertighaus hochgezogen werden. In Deutschland hätte der Denkmalschutz das wohl verboten.  

Bei den immer noch immensen Landpreisen in Tokios zentralen Stadtteilen müssen Grundstücke effizient genutzt werden. Zudem zwingt die Erbschaftssteuer gerade wegen der hohen Landpreise viele Nachkommen zum Verkauf der Grundstücke. Und dann sind jap anische Häuser ohnehin nicht für die Ewigkeit gebaut – und wer will heute noch in einem zugigen Holzhaus leben? 

Doch das ist es nicht allein. Immer noch fehlt es in Japan oft an der Wertschätzung des Alten und Traditionellen im Kleinen. Glasfronten und Betonflächen gelten noch immer als sauber, modern - und irgendwie dem wirtschaftlichen Niveau angemessener. Man hat sich schließlich hochgearbeitet. Erst langsam findet ein Umdenken statt. Anwohner in Japan wehren sich gegen Neubauten, unsinnige Damm- oder Tunnelprojekte. Großbauten in Tokio wird jetzt eine Mindestgrünfläche vorgeschrieben, denn der viele Beton macht die schwüle Sommerhitze noch unerträglicher.  

Doch noch vor wenigen Jahren hat etwa die Stadtteilverwaltung in meinem Stadtviertel Bunkyo-ku die kleine Wiese unter einer Gruppe von Kirschbäumen kurzerhand zubetoniert – damit das Aufräumen nach den Kirschblütenparties im Frühling einfacher ist. Seitdem feiern viele ihre Parties woanders… Und für große Diskussion en sorgte der Abriss der Dojunkai Apartmenthäuser auf der Tokioter Flaniermeile Omotesando. Die ersten Apartmentgebäude westlicher Art aus den 20er Jahren mit den kleinen Galerien und Boutiquen waren eines meiner Lieblingsziele für einen Sonntagsspaziergang. Im kommenden Jahr soll nun die neue Glas-Beton-Anlage fertig sein. Man darf gespannt sein… 

Tokio ist für viele westliche Besucher auf den ersten Blick eine Betonwüste. Andererseits stöhnen internationale Immobilienanleger, die Metropole biete zu wenig Bürogebäude in Topqualität. Grund für den Widerspruch ist die fehlende Stadtplanung, deren Chaos an nicht zusammenpassenden Gebäuden dann allerdings wieder so mancher Architekt und Designer inspirierend findet.



Die japanische Regierung jedenfalls bemüht sich gerade intensiv, mehr Touristen ins Land zu locken. Da sollte sie aufpassen, dass in Tokio, dem Eingangstor für viele Touristen, die es oft gar nicht in die schönsten und abgelegensten Ecken des Landes schaffe n, nicht die letzten Oasen der Abrissbirne zum Opfer fallen. Es gibt genug hässliche alte Betonklötze, die stattdessen für neue Gebäude Platz machen sollten. Wer sucht, findet auch in Tokio noch das Zusammenspiel von Moderne und Tradition, den kleinen Tempel oder Schrein gleich neben dem Neonlicht des Vergnügungsviertels, schmale, verschlungene Straßen und kleine Parks unweit der Büropaläste, und dann ab und zu ein traditionelles Haus am Wegesrand. Erst kürzlich schwärmte ein Freund, der in Schanghai wohnt und mich in Tokio besuchte, Japans Hauptstadt habe noch richtig asiatisches Flair zu bieten. Auch der fand übrigens das Nachbarhaus mit den Steinlaternen im Garten nebenan toll.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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