Die Aktie fehlt in kaum einem Russland-Depot
Aufspaltung des Stromriesen UES erntet Kritik

"Wir haben das Land gelehrt, für Strom zu zahlen," Anatolij Tschubajs, Chef des russischen Energiemonopolisten Vereinte Energiesysteme (UES), klopft sich stolz an die Brust. Tatsächlich sind die gewaltigen Außenstände aus unbezahlten Stromrechnungen seit Tschubajs? Amtsantritt im Jahr 1998 deutlich geringer geworden.

MOSKAU. Dazu hat er drakonische Mittel eingesetzt: Nichtzahlern, wie vorige Woche einer Kontrollstation der Internationalen Weltraumstation im Fernen Osten, drehte UES immer wieder den Strom ab. Das Milliardenobjekt schwebte so zeitweise führerlos durch den Weltall.

Energiemarkt soll grundlegend reformiert werden

Doch Tschubajs will nicht nur die Stromrechnungen eintreiben, sondern "die letzte Bastion des Sozialismus in Russland", wie er das Energiewesen bezeichnet, schleifen: Russlands Energiemarkt soll grundlegend reformiert werden. Dazu wurde jetzt eine Föderale Netzgesellschaft gegründet. Diese Netz-Holding, die das gesamte Überleitungs-Stromnetz des Landes vereint, gehört anfangs zu 100 % der UES. "Im Jahr 2004 wird diese Netzgesellschaft dann von UES abgespalten und die gleiche Eigentümerstruktur wie UES haben - 52 % hält der russische Staat, 48 % befinden sich in Händen privater Anleger, dabei 35 % in Händen von Ausländern", sagte Tschubajs dem Handelsblatt. UES ist die meistgehandelte russische Aktie und fehlt in kaum einem Russland-Depot.

Neben dem Föderalen Netzverbund und einer bereits gegründeten Energiebörse für den marktwirtschaftlichen Stromvertrieb soll in Kürze eine Holding gegründet werden, in der alle 72 regionalen Stromerzeuger zusammen gefasst werden. Im Jahr 2004 soll UES dann endgültig aufgespalten werden. Tschubajs kündigt für diesen Zeitpunkt bereits seinen Rücktritt an, da seine Mission dann erfüllt sei. Die bisherigen UES-Aktionäre könnten sich dann entscheiden, ob sie ihre bisherigen Anteile in Aktien der Netzgesellschaft oder eines der neu geschaffenen Unternehmen umwandeln wollen.

Banken wollen blockierende Aktienpakete kaufen

An Tschubajs Versprechen "dadurch verliert und gewinnt kein Aktionär nur eine Kopeke" haben Russland-Investoren erhebliche Zweifel. Die faire Berücksichtigung der bisherigen Aktionäre sei nicht gesichert, sagt ein westlicher UES-Anteilseigner, der nicht genannt werden möchte. Denn ein genauer Plan dafür liege noch nicht vor. Vielmehr versuchten derzeit russische Banken, denen enge Kontakte zum Kreml nachgesagt werden, blockierende Aktienpakete der regionalen Energieversorger zu bekommen, um bei der Zergliederung von UES finanzielle Vorteile für sich herausschlagen zu können.

Die finanzielle Transparenz bei UES wurde kürzlich ohnehin empfindlich eingetrübt: UES hat in einem umstrittenen Umschuldungsabkommen des russischen Staates mit der tschechischen Investmentgesellschaft Falkon Capital seine Steuerschuldenlast gegenüber dem Kreml verringert. Dabei kaufte Falkon der tschechischen Regierungen ihre von 3,6 auf 2,5 Mrd. $ abgeschriebenen Forderungen gegenüber Moskau für 545,7 Mill. $ ab. UES zahlte nach Moskauer Medienberichten Falkon dafür 800 Mill. $, bekam von der russischen Regierung jedoch 1,35 Mrd. $ auf seine Steuerschulden angerechnet.

Für den Moskauer Fondsmanager des Schweizer Unifund, Florian Fenner, ist die UES-Reform "ein Riesen-Alptraum": Zu viele Details der Zerschlagung seien noch ungeklärt, die geplanten Fristen bis 2004 könnten kaum eingehalten werden. Zudem dürfte der UES-Gewinn in diesem Jahr nach Analysten-Meinungen erheblich geringer ausfallen, nachdem der Kreml die Strompreise in diesem Jahr nur um 18 % statt den von UES verlangten 44 % angehoben hatte.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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