Die Alterung in Asien überlastet die schwachen Renten- und Gesundheitssysteme
In Indien und China tickt eine demographische Zeitbombe

Asien steckt mitten in einem dramatischen demographischen Wandel. "Es ist ein Erdbeben, das alle Bereiche von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft erfasst", sagt der Direktor des Uno-Bevölkerungsprogramms, Joseph Chamie, dem Handelsblatt. Nirgends falle die Mischung aus Bevölkerungsexplosion bei gleichzeitiger Alterung krasser aus als in Fernost. Als Folge prophezeit der Chef-Demograph der Vereinten Nationen tief greifende Veränderungen in der Produktions- und Konsumstruktur asiatischer Länder. Auch politische Verwerfungen schließt er nicht aus.

olm HB HONGKONG. Volkswirte geben Chamie Recht. "Vor allem in China tickt eine demografische Zeitbombe - sie wird bald explodieren", meint Fred Hu, Managing Director von Goldman Sachs in Hongkong. Und Sanjeev Sanjal von der Deutschen Bank in Singapur erwartet, dass die Bevölkerungsentwicklung in den kommenden zwei Jahrzehnten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Region fundamental verändern wird. Die Auswirkungen reichten von Zahlungsbilanzen bis zu den Finanzmärkten. Für Unternehmer könnten sich dadurch neue Geschäftsfelder eröffnen, es entstehen aber auch neue Risiken.

Chamie erwartet, dass die Weltbevölkerung in den kommenden 50 Jahren von derzeit sechs auf neun Milliarden Menschen ansteigen wird. Den größten Anteil daran habe Asien: Alleine Indien dürfte 21% beitragen, China 12% und Pakistan 5%. Zwar bremsen niedrigere Geburtenraten das Bevölkerungswachstum schon merklich. Gleichzeitig aber wird auch Asien von der Welle des Alterns ergriffen, die die Zusammensetzung der Bevölkerung im westlichen Industriestaaten derzeit fundamental verändert. Das stellt Asiens unterentwickelte bzw. fehlende Gesundheits- und Rentensysteme vor enorme Belastungen.

Kommen auf jeden chinesischen Rentner zurzeit zehn Menschen im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren, werden es im 50 Jahren weniger als drei sein, rechnet Chamie vor. In Südkorea wird sich das Verhältnis von derzeit eins zu zehn auf eins zu zwei verringern, in Indien von eins zu zwölf auf eins zu vier. Am härtesten ist Japan betroffen, das eine extrem restriktive Einwanderungspolitik verfolgt: Dort kommen im Jahr 2050 auf jeden Rentner nur noch 1,5 Menschen im arbeitsfähigen Alter, derzeit sind es vier. "Um das Verhältnis auf dem heutigen Stand zu halten, müsste in allen Ländern das Renteneintrittsalter über die Lebenserwartung gesteigert werden", skizziert der Uno-Bevölkerungsexperte das Dilemma.

Für die Privatwirtschaft tun sich durch die Alterungswelle künftig auch in Asien lukrative neue Geschäftsfelder auf: im Gesundheitsbereich und bei der Altersvorsorge. Politiker stellt die Entwicklung hingegen vor immense Herausforderungen. Die Zeit drängt. Denn mit seiner noch jungen Bevölkerung steht Asien am Beginn eines Zeitfensters, in dem die demografische Entwicklung mehr Reichtum schafft, als das Altern der Gesellschaft kostet. "Jetzt müssen dringend Institutionen geschaffen werden, die mit der künftigen Belastung fertig werden", fordert Chamie und warnt: "Regierungen die zögern, riskieren gesellschaftliche Probleme und politische Instabilität."

Zu den nötigen Institutionen gehören nicht nur Pensionskassen und Krankenhäuser, sondern auch effiziente Finanzsysteme, sagen Chamie und der Bankvolkswirt Sanyal übereinstimmend. Denn über die kommenden 25 Jahre wird die demographische Entwicklung die hohen Sparquoten in Fernost weiter stützen. Als Motor des asiatischen Wirtschaftswunders spielten diese bislang eine weitaus wichtigere Rolle als Auslandsinvestitionen. Mit den in vielen Ländern maroden Finanzsystemen klemmt aber inzwischen der Transmissionsriemen, der diese Ressource mobilisiert und nutzbar macht.

"Das Sparkapital darf nicht nach Zürich wandern", sagt Chamie. Es müsse der Region als wirtschaftliches Fundament dienen, um die Zukunft zu bewältigen. "Für Länder ohne gute Banken oder Börsen bedeutet die Flucht dieses Kapitals langfristig eine große Gefahr", bestätigt Sanyal. Das erkennen immer mehr Regierungen: Unter anderem weil eine verlässliche Finanzbranche zum Aufbau eines Rentensystems nötig ist, setzt zum Beispiel Peking alles daran, den verbreiteten Betrug an Chinas Börsen einzudämmen und die maroden Staatsbanken flott zu bekommen.

Sanyal rechnet damit, dass die Sparquoten in China (derzeit 42%) und Südostasien (34%) noch zwei Jahrzehnte lang leicht zulegen werden. Indien dürfte sogar eine Explosion erleben, weil der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung dort am schnellsten zunimmt: Bis 2025 soll die Sparquote von derzeit 52% auf 60% steigen.

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