Die Altstadt von Tallinn sieht fast so aus wie vor 600 Jahren
Ein Flair wie zur Zeit der Hanse

Braune Brocken. Weiße Schwaden. Und ein würziger Duft, der aus dem Kupferkessel steigt. Leele Lattikas röstet Mandeln. "Wir bereiten sie nach einem Original-Rezept aus dem Mittelalter zu", sagt die junge Frau. Sie trägt ein langes grünes Kleid im Stil der Hansezeit. Auch das Design ihres Arbeitsplatzes, eines Planwagens, stammt aus jener Epoche.

TALLINN. Leele Lattikas hat die mobile Mandelrösterei vor dem Restaurant "Olde Hansa" mitten in Tallinns Altstadt aufgebaut. Plötzlich klirren Schwerter. Zwei Männer in Wams und Schnabelschuhen schlagen aufeinander ein. Die amerikanischen Touristen sind fasziniert.

"Alles nur Show", beruhigt Olavi Andla seine Gäste. Der Jungunternehmer veranstaltet mit seinem Partner Anu Kink so genannte Mittelalter-Touren in der estnischen Hauptstadt. Sechs Profi-Schauspieler und Musikanten gehören zum Team. Ein Historiker wacht darüber, dass alle Elemente der anderthalb bis zweistündigen Rundgänge authentisch sind. Denn Geschichte wird in Tallinn, aber auch in anderen ehemaligen Hansestädten wie Narva, Tartu, Pärnu und Viljandi ernst genommen. Die Geschichte hat diesen estnischen Städten eine Fülle von Attraktionen hinterlassen. Allein nach Tallinn kommen jedes Jahr fünf Millionen Besucher - die meisten aus Finnland und Schweden.

Die Altstadt von Tallinn ist eine vollständig erhaltene spätmittelalterliche Siedlung. Entstanden im Zuge der europäischen Ostkolonisation, umfasst sie neben der Burg eine befestigte Unterstadt. Dieses einstige Reval war seit 1285 Mitglied der Hanse. Viele Besucher wollen beide Stadtteile sehen, steigen dafür sogar die steile Zickzack-Treppe vom Dompark zur Aussichtsterrasse Patkuli vaateplats hinauf. Neben diesem Ausguck, im Stenbockschen Haus, tagt die Regierung von Estland.

Eine Stadtmauer aus grauen Feldsteinen, Wehrtürme mit roten Ziegeldächern, grüne Kirchtürme und weiße Fährschiffe: Der Ausblick von der Aussichtsterrasse auf Tallinns Unterstadt und Hafen ist spektakulär. "Es ist noch die ganze mittelalterliche städtebauliche Struktur zu sehen mit ihren Gassen und Plätzen, den Speichern und Gildehäusern", erzählt eine Fremdenführerin. Während sie vom arabischen Kartographen al-Idrisi berichtet, der Tallinn im Jahre 1154 erstmals auf einer Weltkarte vermerkt hat, startet am Hafen ein Hubschrauber. 20 Minuten dauert der Flug nach Helsinki. Ungefähr genau so lange brauchen Besucher, um einmal durch die Altstadt zu gehen - wenn sie nicht unterwegs verweilen.

Doch wer eilt schon ohne Pause durch Tallinns Gassen? In der Treppengasse Lühike jalg etwa bleiben fast alle Passanten stehen, um den melancholischen Gitarrenklängen eines Musikanten mit Rauschebart zu lauschen. Der Mann trägt Sonnenbrille und eine rote Samtkappe, eine Zigarette baumelt locker in seiner Hand.

In den benachbarten Galerien stöbern Finninnen genau so wie Japanerinnen oder Deutsche. Einige probieren Leinenkleider und Bernsteinketten an, andere begutachten dicke schwarzweiß gemusterte Wolljacken. Anschließend kehren sie in Cafés wie dem "Aroma" in der Pikk-Straße ein, wo man draußen an runden Holztischen sitzen kann und einen guten Blick auf die flanierenden Menschen hat.

Tische und Stühle unter blauen Sonnenschirmen stehen auch vor den pastellfarbenen Häusern am Rathausplatz, dem Raekoja plats. Die Namen der Lokale reichen von "Molly Malone's" bis zu "Restoran Karl Friedrich". Tatsächlich gibt es in Tallinn nach Angaben der Touristen-Information traditionell einen starken deutschen Einfluss bei den Speisen. Doch neuerdings finden sich auch Sushi-Bars in der Stadt, haben Inder, Thailänder und Georgier ihre Restaurants eröffnet. Nebenan ragen die Zwiebeltürme der orthodoxen Aleksander Nevski Kathedrale gen Himmel.

Ganz in der Nähe hat der deutsche Hotelmanager Kay Bischoff alle Hände voll zu tun. Anfang Oktober eröffnete er das Fünf-Sterne-Hotel "The Three Sisters". Es besteht aus drei nebeneinander stehenden Kaufmannshäusern aus dem Mittelalter und bietet 23 Gästezimmer. Aus einigen Badezimmern können die Gäste über die Stadtmauer hinweg auf die Ostsee schauen - sogar wenn sie in der Badewanne sitzen.

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