Die amerikanische Sicht auf das mobile Internet
Kolumne: Europa, ein Kontinent von UMTS-Lemmingen?

Europa, seit der Aufklärung Wiege einer rationalen Sicht der Welt, ist einem Mythos verfallen. Der besagt, dass Japan und Europa den USA beim breitbandigen mobilen Internetzugang um Jahre voraus sind; dass die kombinierten Sprach-Daten Systeme der dritten Generation (sog. 3G oder UMTS Syteme) unanfechtbar die zukunftsweisende Technologie darstellen; dass mehrere Milliarden Euro für den Aufbau einer Infrastruktur notwendig sind und ein Mehrfaches davon für die begehrten Lizenzen; und dass professionelle Nutzer wie Konsumenten diese Dienste auch zu hohen Preisen aufsaugen werden. Europäische Telekommunikationsunternehmen haben bei der Versteigerung der UMTS-Lizenzen unvorstellbare Summen in diese Sicht der Welt investiert. Das Geschäftsmodell des Unternehmens Metricom aus den USA stellt den Mythos schon jetzt in Frage.

Reisen bildet bekanntlich. In dieser Highway 101-Kolumne lade ich Sie dazu ein, die mobile Internetzukunft einmal aus amerikanischer Sicht zu betrachten. Im Silicon Valley wird umgekehrt die Entwicklung in Europa übrigens durchaus mit Interesse registriert. Unternehmen sind hier mit Risiken vertraut. Aber die UMTS-Versteigerungen mit den Milliardengeboten für ein Netz voller Unbekannten stimmen nicht wenige Beobachter nachdenklich. Doch der Reihe nach.

Ausgangslage USA

Mobiler Internetzugang mit akzeptablen Datengeschwindigkeiten verheißt auf beiden Seiten des Atlantiks ein großes Geschäftspotenzial. Oder in Zahlen: Im Jahre 2004 werden in den USA 65 % der Menschen Zugang zu einem Computer haben und ca 50 % ein Mobiltelefon besitzen. In Westeuropa sind die Raten mit 65 % Mobiltelefonen und ca 45 % Computerzugang auf ähnlichem Niveau genau umgekehrt. Die Überlappung ist hoch: Mehr als 75 % der Mobiltelefonbesitzer sind auch regelmäßige Internetnutzer. Zukunftsmarkt ist die mobile Datenübertragung. 2004 werden voraussichtlich bereits mehr als 20 Millionen Geschäftsleute diese Dienste nutzen.
Allerdings ist die Ausgangslage in den USA in mancher Hinsicht auch anders als in Europa:

Der Breitbandzugang im Festnetz (über DSL oder Kabel) hat nicht nur alle größeren Unternehmen, sondern bis zum Jahresende 2000 auch mehr als 4 Millionen US-Haushalte erreicht, eine Zahl, die sich in nächster Zukunft jährlich verdoppeln dürfte. Daher nehmen die Anforderungen an einen "akzeptablen" Internetzugangsdienst rapide zu, sowohl, was die Geschwindigkeit, als auch, was eine noch wichtigere Eigenschaft betrifft - das so genannte "always-on", also den permanenten Zugang ohne Einwahl. Außerdem ist die Bedeutung des Laptops und der Personal Digital Assistants für den drahtlosen Internetzugang hierzulande größer als die der Mobiltelefone. Zudem gibt es weder einen einheitlichen Mobilfunkstandard (der alte analoge Standard und drei digitale Standards koexistieren) noch einen allgemein akzeptierten technologischen oder gar zeitlichen Fahrplan für die konzertierte Einführung eines mobilen Breitbanddienstes mittlerer Geschwindigkeit (2.5G, wie GPRS in Europa) oder gar hoher Geschwindigkeit (3G, wie UMTS in Europa). Folglich werden die USA in dieser Beziehung gelegentlich als ein Entwicklungsland belächelt.

Es mag daher für viele erstaunlich sein, dass es zum Jahresende 2000 in den 11 wichtigsten Ballungsgebieten der USA einen Dienst gibt, welcher zu kompetitiven Preisen einen unbegrenzten und möglicherweise schnelleren mobilen Internetzugang bietet, als ihn UMTS je erreichen wird.

Shooting Star Metricom

Der Anbieter heißt Metricom und wurde allein im November 2000 gleich zweimal gekürt: von der Herbst-Comdex, dem US-Pendant zur Cebit in Deutschland, zum Gewinner in der Kategorie "Services" und vom Internetmagazin "The Industry Standard", zu einem "Standard 100 Unternehmen", dem Klub der Gestalter der "Internet Economy".

Was steckt dahinter? Das Unternehmen Metricom, an dem unter anderem der Telekommunikationsgigant Worldcom einen wesentlichen Anteil hält, hat offenbar vieles anders - und anscheinend auch besser - als andere gemacht.
Dabei stellte Metricom schlicht nur zwei Selbstverständlichkeiten in Frage:

1. Es fragte sich, ob es wirklich notwendig sei, ein integriertes Sprach-Datennetz zu bauen und realisierte, dass ein reines mobiles Datennetz für einen Bruchteil der Kosten zu erstellen wäre.
2. Es stellte ebenfalls in Frage, ob man wirklich teures lizensiertes Spektrum erwerben müsse und kam zu dem Schluss, dass es gemeinsam mit der hiesigen Regulierungsbehoerde (FCC) eine gleichwertige Lösung mit primär unlizensiertem Spektrum entwickeln könnte.

Das Resultat kann sich sehen lassen. Eine Studie von Adventis Horizon, welche sich wiederum auf Daten von Goldmann Sachs, Durlacher, Robertson Stephens, Renaissance Analysis und Ericsson stützt, ergab:
1. Metricom erzielt heute durchschnittliche Datenraten von 176 kpbs , wogegen UMTS (3G) in ein paar Jahren nur 128 kbps erreichen wird und GPRS (2.5 G) gar nur 43 kpbs. Die Spitzenraten von 796 kpbs (UMTS: 384 kpbs, GPRS: 170 kbps) sind ebenfalls sehr hoch. Übrigens: Man lasse sich nicht durch den oft missbrauchten - und letztlich bedeutungslosen - Begriff: "Raten bis zu xxx kbps" in die Irre leiten; die realen Übertragungsraten liegen in der zitierten Größenordnung.

2. Das auf Internet-freundlichem "Packet-Switching" beruhende Metricom- Netzwerk kostet weniger als ein Zehntel einer UMTS-Infrastruktur und ein Drittel einer GPRS-Aufrüstung. Zudem lässt sich das Mikrozellen-basierte Metricom-Netzwerk schnell und kostengünstig verdichten.

3. Bei Metricom fallen keine wesentlichen Kosten für das Spektrum an, welche beispielsweise in England und Deutschland die Kosten der Infrastruktur noch deutlich ueberstiegen. Zudem hat Metricom Zugang zu insgesamt mehr als 250 MHz Spektrum (typische UMTS-Lizenz etwa 30 MHz)

4. Der reine Datendienst von Metricom ist "always-on", dh. es bedarf keiner mühsamen Einwahl.

Auf dieser Basis bietet Metricom jetzt seinen sogenannten "Ricochet II"-Dienst in den Ballungsgebieten New York, Philadelphia, Baltimore, Washington, Atlanta, Dallas, Houston, Phoenix, San Diego, San Franciso und Seattle an. Weitere Gebiete folgen im Laufe des Jahres 2001. Der Service kostet 75 bis 79 $ im Monat für unbegrenzten "always-on"- Zugang. Mindestens 80 % der Zeit werden 128 kbps versprochen. Das Modem, das am Laptop befestigt werden kann, kostet etwa 100 $.

Das Rad der Geschichte am Beispiel ATM

Könnte das integrierte Sprach-Daten-System also ein Irrweg sein? Nun, die jüngste Geschichte von Unternehmens-Netzwerken bietet ein analoges Beispiel. Vor 10 Jahren galt es als ausgemachte Sache, dass die Zukunft der breitbandigen Unternehmensnetzwerke (Festnetz, nicht mobil) ein weltweiter vollintegrierter Sprach-Daten Standard namens ATM werden würde.
Heute ist es eine historische Anekdote, wie der Infrastrukturanbieter Cisco plötzlich erkannte, dass Startups reine Datennetzwerke mit hohen Durchsatzraten auf Basis des weiterentwickelten "Fast"-Ethernet-Standards viel kostengünstiger anbieten konnten - und wie es diese Unternehmen schnell akquirierte. Während die europäischen Netzwerkanbieter noch fleißig an ATM bastelten, eroberten die schnellen Ethernet-Netzwerke den Markt. Heute hat jeder professionell genutzte Computer eine Ethernetkarte - während ATM nie bei den Geräten angekommen ist. Daten- und Sprachnetzwerke in den Unternehmen blieben weitgehend separat.

Die Tücke liegt nicht nur im Detail

Heißt dies, dass die Metricom-Technologie jetzt einen Siegeszug um die Welt antreten wird? Wohl kaum. Denn das Unternehmen will zu viel für sich behalten. Anstatt wie Qualcomm beim CDMA-Standard die Technologie weit möglichst zu lizensieren, baut Metricom alles selbst. Damit hat es die mächtigen etablierten Infrastrukturanbieter wie Lucent, Nortel, Ericsson, Nokia und Siemens gegen sich, denen das Geschäft wegbrechen würde. Auch die Hersteller von Mobiltelefonen kämen in die Zwickmühle, wenn sich keine teuren neuen Mobilfunkgeäete an den Markt bringen ließen. Die Interessen all dieser Unternehmen sind bei UMTS in Europa auf wunderbare Weise gleichgerichtet.
Zudem sind Metricom-basierte Dienste bisher nur für Laptops verwendbar - erst im nächsten Jahr werden PDAs angeschlossen und für Telefone gibt es noch kein Datum.

Die USA stellen unbequeme Fragen

Doch die Anbieter von Telekommunikationsdiensten in den USA werden sicherlich sorgfältig nachdenken, bevor sie wie die Europäer für Milliarden Dollar teure 3G-Lizenzen erwerben: Ist es wirklich so wichtig, Breitbanddaten und Sprache auf dem gleichen Netz zu kombinieren, oder sind das nicht ganz unterschiedliche Anforderungen?
Will der Nutzer tatsächlich ein kombiniertes Gerät für alles (die viel zitierte "eierlegende Wollmilchsau") oder werden nicht kleine Sprachgeräte (auch Telefon genannt) mit größeren, flachen und bildschirmbasierten Daten-Geräten koexistieren? Ist nicht eine drahtlose Interaktion der Geräte (beispielsweise auf Basis der Bluetooth-Technologie) attraktiver als die Kombination?
Sind Kosten (und daher Preise) nicht ein entscheidendes Kriterium? Ist "always-on" nicht eine essentielle Nutzererwartung? Muss es das teure lizensierte Spektrum sein? Und ist eine heute verfügbare Technologie nicht attraktiver als eine versprochene (siehe WAP)? Und ist es nicht möglicherweise attraktiver, einen komplementären Dienst anzubieten, als einer von vielen ununterscheidbaren 3G-Anbietern zu werden?

All diese Fragen standen selbstverständlich schon vor der Vergabe der teuren europäischen UMTS-Lizenzen und des Roll-Outs von Metricom im Raum, aber diese Ereignisse machen sie besonders eindringlich. Keine 3G-Lizenz zu halten, wird nicht mehr selbstverständlich als Wettbewerbsnachteil gesehen.

Letztendlich lernen US-Unternehmen gerne von Europa. Eine Fabel aus Skandinavien, das, ob nun Zufall oder nicht, auch der wegweisende Kommunikationsmarkt Europas ist, erzählt uns von den norwegischen Lemmingen. Die nahmen an einer Massenbewegung teil, doch die führte nicht notwendigerweise zur Verheißung.
Lassen Sie sich nicht in die Irre führen und bleiben Sie dem Highway 101 gewogen!

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