Die Analysten trauen der Aktie aber viel zu
Mit mySAP.com startete der Softwarekonzern SAP recht spät ins Internet-Zeitalter

Viele kaufen sie, nur Eingeweihte wissen, was wirklich hinter ihr steckt: Die SAP-Aktie birgt viele Geheimnisse. Die meisten Analysten empfehlen, sich die Aktie des Softwarehauses ins Depot zu legen.

DÜSSERLDORF. Jochen Klusmann, Analyst bei der Bank Julius Bär, ist pessimistisch, was den Kenntnisstand der Investoren angeht: "90 Prozent der Leute, die SAP-Aktien kaufen, wissen nicht, was SAP eigentlich macht." Ein Missstand, an dem sich mittelfristig etwas ändern könnte: Mit mySAP.com, der E-Business-Plattform, die der Konzern im September 1999 präsentierte, wird das Wirken des Walldorfer Softwarehauses anschaulicher. Wer möchte, kann via Internet probehalber mit mySAP.com arbeiten, wird Geschäftsführer oder Einkäufer, simuliert mit mySAP.com den Alltag in verschiedenen Branchen - von der öffentlichen Verwaltung, dem Gesundheitswesen über die Luftfahrtindustrie bis zum Einzelhandel. Den Schwenk vom SAP-Klassiker R/3, einer Unternehmens-EDV zur Steuerung etwa von Vertrieb, Rechnungs- oder Personalwesen, hin zu Anwendungen, die über das Internet laufen, hat SAP mit mySAP.com zwar spät vollzogen, nach überwiegender Einschätzung der Analysten aber gerade noch rechtzeitig.

Die Umstellung auf mySAP.com kostet im Moment noch Zeit und Geld. Das SAP-Personal muss geschult werden, der Vertrieb sich auf das neue Produkt einstellen. "Dieses Jahr ist deshalb besonders schwer", sagt Theo Kitz, Analyst bei Merck Finck & Co. Wenn mySAP.com rundläuft, nahen für SAP rosige Zeiten, glaubt Kitz. Dann werde sich auch bemerkbar machen, dass mySAP.com höhere Margen möglich mache als R/3. Für überwunden hält Kitz die Probleme in den USA. Dort war das Personal vor einigen Monaten scharenweise abgewandert, hatte sich locken lassen von den Aktienoptionen, die kleine, aufstrebende dot.com-Unternehmen anboten. "Jetzt will niemand mehr die Stock-Options haben, und es ist zu hören, dass viele frühere SAP-Mitarbeiter wieder bei ihrem alten Arbeitgeber anklopfen", sagt Kitz. Auch der neue US-Chef werde dazu beitragen, dass die Probleme in den USA bis zum vierten Quartal des Jahres behoben seien, sagt Kitz. Für ihn hat die SAP-Aktie daher überdurchnittliches Potenzial.

SAP gewann wichtige Kunden

Die Anzeichen dafür, dass SAP mit mySAP.com die richtige Richtung eingeschlagen hat, sind deutlich. Dem Unternehmen sind in der jüngsten Vergangenheit nennenswerte Abschlüsse gelungen. Im Juni zog der Konzern den bislang größten Auftrag seiner Geschichte an Land. Nestlé, weltweit größter Lebensmittelkonzern, arbeitet in Zukunft mit mySAP.com. Weitere Erfolge: Seit dem Frühjahr stützt der US-Bundesstaat Pennsylvania die öffentliche Verwaltung auf SAP-Software. Anfang dieser Woche kündigten der Anlagenbauer Babcock Borsig, die Frankfurter mg technologies und die SAP-Tochter SAPMarkets die Entwicklung eines globalen Online-Marktplatzes für Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau an, der bereits im Oktober verfügbar sein soll. Und zusammen mit Commerce One wird der Konzern noch in diesem Jahr einen gemeinsamen digitalen Marktplatz für die Versorgungsindustrie in der USA entwickeln. Damit trägt die im Juni 2000 angekündigte Zusammenarbeit mit Commerce One, einem führenden Anbieter von Marktplatz-Infrastruktur fürs Internet, erste Früchte. Die Walldorfer stehen nach Einschätzung von Jörg Natrop von der WGZ-Bank am Anfang einer Erfolgsgeschichte: "SAP verfügt über ein enormes Kundenpotenzial. Wenn jetzt große Industriekunden mitmachen, werden andere folgen."

Der Anteil der SAP-Neukunden - gemessen an den Softwarelizenzen - lag nach Angaben Natrops im zweiten Quartal des Jahres bei 51 Prozent. "SAP hat die Fehler, die man früher gemacht hat, erkannt und die Konsequenzen gezogen. Man ist stärker kundenorientiert, achtet bei mySAP.com auf Benutzerfreundlichkeit", lobt er. Anfang August hat das Unternehmen angekündigt, man wolle den rund 6 000 Mitarbeiter zählenden Entwicklerstab mit dem Ziel restrukturieren, die Entwicklungsarbeit noch stärker an Kunden und Zielmärkten auszurichten. Allerdings wird SAP nicht alle Erfordernisse des Marktes aus eigener Kraft erfüllen können. mySAP.com kann nur als Basis dienen für spezielle Applikationen - etwa für Marktplätze, für das Kunden-Management, für Programme zur Optimierung der Zulieferkette. Kleine, junge Startup-Unternehmen haben diese Applikationen schon im Angebot. "Es wäre fatal, wenn SAP alle diese Felder selbst abdecken wollte. Wer mithalten will, muss so schnell wie möglich sein. Da wird es erforderlich, Wissen zu kaufen und mit anderen Unternehmen zu kooperieren", meint Jochen Klusmann, der sich in dieser Hinsicht noch stärkere Aktivitäten von SAP wünscht. Trotz vieler Argumente, die für SAP sprechen, bleibt ein Restrisiko: "Die Börse übertreibt bei SAP grundsätzlich, gegenüber SAP werden immer Extrempositionen bezogen", sagt Klusmann, der SAP dennoch als "strong buy" (starken Kauf) eingestuft hat.

Am Ende dürfte zutreffen, was WestLB-Analyst Norbert Löken sagt: "Die SAP-Aktie ist extrem von den Stimmungen des Marktes abhängig. Im Moment ist die Stimmung für SAP gut." So stark wie die Stimmungen schwanken, schwankt auch der Kurs der SAP-Aktie. Kein anderer Dax-Wert weist ähnliche Berg- und Talfahrten auf. Doch die Erfahrung mit SAP zeigt: Wer starke Nerven hat, wird langfristig belohnt.



Stärken und Schwächen von SAP

SCHWÄCHEN

: Die SAP-Aktie gilt als extrem stimmungsanfällig, was sich in einem starken Auf und Ab der Kurse, also in einer hohen Volatilität, niederschlägt. Tagesschwankungen von zehn Prozent sind durchaus möglich. Nichts für Anleger mit schwachen Nerven. Manche Analysten sind mit dem SAP-Management nicht zufrieden. SAP-Chef Hasso Plattner gilt als schwer berechenbar. Mehr als einmal hat er mit wenig diplomatischen Äußerungen in der Öffentlichkeit den SAP-Kurs unnötig unter Druck gesetzt. SAP hat mit mySAP.com zwar eine E-Business-Plattform im Angebot. Bisher ist das Produkt aber nicht voll am Markt etabliert. In diesem Jahr wird es SAP noch viel Geld kosten, mySAP.com am Markt durchzusetzen. Kooperationen mit anderen Unternehmen sind dazu erforderlich, aber noch nicht in allen Bereichen vereinbart. STÄRKEN: SAP verfügt über eine enormes Kundenpotenzial. Das kommt auch der noch relativ jungen E-Business-Plattform mySAP.com zugute. Es ist bereits gelungen, einige Großkunden, etwa Nestlé, für mySAP.com zu begeistern, weitere dürften folgen. Viel versprechend entwickelt sich auch das Neukundengeschäft. Im zweiten Quartal 2000 lag der Neukundenanteil bei 51 Prozent. Dem Unternehmen scheint klar geworden zu sein, dass es sich stärker an den Wünschen der Kunden orientieren und schneller werden muss. Kooperationen mit anderen Firmen, etwa die mit Commerce One, werden dabei helfen, dieses Ziel zu erreichen. Die Einstellung, alles im eigenen Haus entwickeln zu wollen, ist überwunden.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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