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Die andere Gesicht der iranischen Jugend

Der sensationelle Erfolg des konservativ-religiösen Hardliners Ahmadinejad im ersten Durchgang der iranischen Präsidentschaftswahl hat viele Beobachter und Iraner überrascht. Foulvorwürfe folgten auf dem Fusse. Doch vielleicht gibt es eine andere Erklärung.


Der sensationelle Erfolg des konservativ-religiösen Hardliners Ahmadinejad im ersten Durchgang der iranischen Präsidentschaftswahl hat viele Beobachter und Iraner überrascht. Foulvorwürfe folgten auf dem Fusse. Doch vielleicht gibt es eine andere Erklärung. Auf der Suche werden Erinnerungen wach. An ein Treffen in der Universität von Teheran. Im vergangenen Dezember. Technikbegeisterte Mitglieder der Basiji, einer Art freiwilliger Miliz und Religionspolizei, stellten dort ihre Erfindungen vor. Sie waren vom Land und aus den Kleinstädten in die Hauptstadt gereist. Und hatten so gar nichts mit der aufmüpfigen, Internet-erfahrenen Jugend der Großstadt Teheran gemein. Der 23jährige Mohamed Mehdi Kaveh präsentiert im Gang der Universität eine Kuhhebemaschine, die er für die Landwirtschaft entwickelt hat. Ein großes Metallgestell, zwei breite Gurte - und schon ist die Kuh in Lastwagen zu heben oder von Ärzten zu untersuchen. Die Idee kam von Bauern, ich habe sie umgesetzt, erzählt
Kaveh stolz. Seine biedere braune Stoffhose und das beige Hemd outen ihn sofort als einen Zugereisten, er ist aus dem Norden Irans. An Politik ist der junge Mann nach eigenen Angaben nicht interessiert. Ich will die Lage meines Landes verbessern, wir brauchen technischen Fortschritt, erklärt der Sohn eines Märtyrers ernsthaft, dessen Vater im Krieg gegen Irak starb. Deshalb ist er Mitglied der Basijis. Aus Respekt für seinen Vater und die Werte, für die er gestorben ist.

Einen Stand weiter steht ein kleines Flugzeug. 12 Kilo schwer, kann es bis zu 150 Kilometer weit fliegen. Das ist für Luftaufnahmen gemacht, erklärt sein Erfinder Nevid bereitwillig. Der kindliche Stolz hat angesichts des wirklich selbstgebastelt aussehenden Flugobjektes etwas Anrührendes. Neben ihm sitzt seine rundliche Frau, im schwarzen Tschador, sie kommen aus einer Kleinstadt südlich von Teheran. Ob wir im Westen solche Flugzeuge auch hätten, will der junge Mann wissen. Wie er mehr darüber erfahren könne. Das Internet hat Nevid bisher noch nie genutzt. Auch Satellitenfernsehen hat er nicht. Nevid wirkt völlig abgeschnitten von der Globalisierung. Die westliche Besucherin ist die Gelegenheit, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Er läßt sich und seine Frau neben der Ausländerin fotografieren. Nochmal und nochmal. Nevid ist freundlich und neugierig. Wie ein großes Kind. Auch die Frage, warum er bei den teilweise als Schlägertrupps verhaßten Basiji mitmacht, beantwortet er
ohne Vorbehalt und Nachdenken. Wir sind die Garanten der islamischen Ordnung, erklärt er. Wenn alles aus dem Ruder laufen sollte, griffen sie ein. Um die Revolution zu verteidigen. Dafür sei er auch bereit, sein Leben zu geben. Nevid meint es ehrlich, er glaubt an seine Worte. Ein junger Teheraner Journalist, der das Gespräch übersetzt, ist fasziniert und bestützt. Ich wußte gar nicht, dass es noch junge Leute bei uns gibt, die so denken, sinniert er anschließend. Nein, das habe er nicht geglaubt. Er ist sehr nachdenklich und stellt selbstkritisch fest, dass er sich immer nur in den gleichen Kreisen politisch Interessierter bewegt, die per Internet und Satellitenfernsehen mit der Welt kommunizieren, modebewußt sind und westliche Popmusik hören. Ich habe vielleicht heute mehr über mein Land gelernt als du, meint er zum Abschied.

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