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Die andere Ich-AG

Trotz staatlich gesicherter Reißleine kann im Job niemand mehr auf einen persönlichen Strategieplan verzichten. Für Beschäftigte heißt das oft im Klartext: gibt es Bessere, bist du weg. Dr. Helmut Wilke (Foto) verrät, worauf es bei der Ich-AG ankommt.

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"Das Bessere ist des Guten Feind", setzte sich der Philosoph Voltaire für die Ablöse von Überholtem ein. Für Beschäftigte heißt das heute im Klartext: gibt es Bessere, bist du weg. Das ist ein unternehmerisch konsequenter Ansatz, indes ist es unpopulär, wenn wir Manager die Notwendigkeit der Ablöse laut vertreten. Wir sind angehalten, das wirtschaftlich Unvermeidliche sozial verträglich zu verpacken. Zuallererst ist aber mit einem Irrglauben aufzuräumen. Kritische Personalgespräche beschreiben nicht per se den Weg in die persönliche Krise. Natürlich sind Konsolidierungen harter Tobak für alle Beteiligten, zunächst. Ich sehe das so: wer bereits ahnt, dass er sich in den kommenden Monaten neu orientieren muss, hat Zwang zum Fokus. Das bringt beschleunigte Entscheidungen. Es geht genau wie bei Unternehmen darum, die persönliche Portfolio- und Marktanalyse anzugehen und Konsequenzen zu ziehen, bevor der Arbeitsmarkt es tut. Manager dürfen heute Gott sei dank wieder daran erinnern, dass Arbeitnehmer auch persönlich verantwortlich sind für ihren Marktwert. Das ist eine nötige Feststellung, auch wenn sie nicht jedem schmeckt. Denn sie setzt eine bewusste Auseinandersetzung mit persönlichem Handeln und Motivationen voraus und verlangt einen neuen persönlichen Schlachtplan. Für Letzteren ist zweierlei wichtig: die Akzeptanz seiner Notwendigkeit und der Wille zur Umsetzung. Swot ist hot Ich bin kein Vertreter widersprüchlicher Schulen wenn ich fordere, dass Arbeitgeber positive Impulse für die Individualentwicklung der Arbeitnehmer geben sollen - auch außerhalb der Firmentore. Was spricht denn dagegen, jährlich eine mehrseitige Swot-Analyse beim Mitarbeiter einzufordern, sie zu bewerten und mit ihm darüber zu reden? Das verlangt ihm maximal die unangenehme Aufgabe ab, im Haus seiner Schwächen, Stärken, Chancen und Risiken gründlich aufzuräumen. Jetzt fragen Sie bestimmt: Herr Wilke, auf wessen Seite stehen Sie? Ganz einfach, ich stehe auf der Seite jener Faktoren, die Wirtschaft vorantreiben. Sicher, meine Beschäftigten sollten nicht zuviel über ihre selbstständigen Fähigkeiten nachdenken oder ihre Kräfte in Selbstreflektion aufreiben. Aber ich denke da über konventionelle Personalpolitik hinaus und sehe Assessments - mit SWOT-Analyse und Strategieplan - nicht als reines Privatvergnügen. Denn, sie schärfen Selbstwahrnehmung, bringen unmittelbare Befriedigung und mittelbaren Unternehmenserfolg. Unmittelbare Befriedigung, weil Mitarbeiter auch fernab von Reviewgesprächen damit für sich feststellen, ob persönliche Zielsetzungen stimmen. Mittelbar weil ich als Arbeitgeber besseren Einblick in meine Mitarbeiterqualifikationen bekomme, wenn ich Strategiepläne auf dem Tisch habe. Solche - wohlgemerkt freiwilligen Assessments - nähren die Einsicht in wirtschaftliche Entscheidungen. Wirtschaftskompetenz ganz privat Damit einher geht aber der Trugschluss, allzu erkenntnisreiche Assessments könnten zur Gefahr werden. Das sehe ich nicht so. Wird unternehmerische Denke gefördert ist nicht zwangsläufig gesagt, dass Beschäftigte fortan ihr Heil allesamt in der Existenzgründung suchen. Denn wer permanent wie ein Selbstständiger denkt und sich selbst als Ich-AG mit Umsatzzielen und Gewinnrechnung sieht, kann fokussierter handeln. Das verstehe ich unter neuer Ich-AG des Arbeitnehmers: Wirtschaftskompetenz im privaten Umfeld. Die zu mehren lohnt allemal. Machen wir uns nichts vor. Die meisten von uns haben die fetten Jahre gerne mitgenommen. Die sind jetzt vergessen und es fällt schwer, nicht paralysiert zu verharren. Leider vergehen kaum Tage, die nicht gipfeln im Gerangel um Zehntelprozentpunkte bei der Rente oder in Rügen für deutsche Arbeitslose, die laut DGB durchschnittlich 11 Wochen länger arbeitslos sind als Resteuropäer. All das legt nahe zu tun, worauf man in der Boomphase keine Lust hatte: Erkenntnisse in Konsequenzen zu überführen und die persönliche Revision anzupacken. Wir alle agieren heute vor dem Hintergrund rasanter Änderungen, warum also nicht zum Jahreswechsel den eigenen Marktwert mit spitzem Stift generalüberholen und konkrete Ziele, Wettbewerbsvorteile, Motivation, Qualifikation und Weiterbildung festschreiben? Was schadet es, an weihnachtlichen Feiertagen statt Monopoly spielen mit sich selbst ins Gericht zu gehen, berufliche Chancen und Risiken auszuloten. Sich fragen: was kann ich, welche meiner Fähigkeiten sind noch marktfähig und echte Mehrwerte? Wo geht der Markt hin und welche Qualifikation wird in den nächsten Jahren gefragt sein? Wer seine Stärken kennt, verpasst kaum Chancen. Arbeitsvorsorge 2001 bis 2004 Apropos. Gerade Menschen, die jetzt persönlichen Stärken weiterentwickeln im Rahmen eines eigenen Firmenkonzeptes sind jene, die so etwas wie eine zweite Gründerwelle einläuten. Diese Kleinfirmen werden wichtiger Faktor des sanften Aufschwungs. Denn wer unter Druck selbstständig wird, entwickelt kräftigen Biss und ökonomische Konsequenz. Diese entschlossenen Startups sorgen laut Bundesanstalt für Arbeit dafür, dass es erfreulicherweise nach wie vor mehr Firmengründungen als Liquidationen gibt. Kurz zurück zum Stichwort persönlicher Marktwert: denken Sie fünf Jahre ins Feld. Was Sie jetzt machen ist wie Altersvorsorge - es ist Arbeitsvorsorge. Es ist schlüssig, dass Personaler in einigen Jahren sehr genau hinsehen, was Bewerber während der Abschwungjahre 2001 bis 200x gemacht haben. Jene, die sich in Krisenzeiten aus eigenem Antrieb vorangebracht haben, werden dann zu bevorzugten Anwärtern. Solche Leute würde ich mir schon deshalb ins Team holen, weil ich ihnen viel Eigeninitiative zugestehe. Die Botschaft bleibt für alle gleich. Veränderte Märkte erfordern veränderte Angebote. Was den Job angeht heißt das nicht, Augen zu und durch, sondern Augen auf und durch. Auch wenn es schwer fällt: die Rekapitulation von persönlichen Stärken und Schwächen muss so selbstverständlich werden, wie die Frage nach der Gehaltserhöhung beim Personalgespräch. (*) Dr. Helmut Wilke war bisher in verschiedenen Positionen in der IT-Branche tätig. Er ist seit 1. Mai 2001 Geschäftsführer und Vizepräsident der Sun Microsystems GmbH. Lesen Sie mehr über den Sun Microsystems Deutschland-Chef in seinem Portrait weiter ...

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