Die Angst des Stürmers vor der Abseitsfalle
Am Wahltag ist Stoiber 100 Tage Kandidat

Vom Bundeskanzler kam Hohn und Spott: "Was immer das für ein Tier in der Höhle des Löwen ist, es ähnelt doch eher einem Bettvorleger als einer Kampfmaschine", witzelte Gerhard Schröder.

wiwo ap BERLIN. So vordergründig die Kritik des SPD-Chefs an seinem Herausforderer ist - Schröder steht damit nicht allein. 100 Tage nach der Nominierung von Edmund Stoiber zum Kanzlerkandidaten von CDU und CSU gibt es auch im Unionslager Kritik an dessen Selbstdarstellung: "Jetzt muss er mal die Handbremse lösen", heißt es.

Tatsächlich hat Stoiber, einst als "blondes Fallbeil" geschmäht, dann als Ministerpräsident eher auf Ausgleich bedacht, seit seiner Nominierung in den Augen von Parteifreunden eine weitere Wandlung durchgemacht. Statt des angriffslustigen Siegertypen erlebt die Union einen vorsichtigen Kandidaten, der scharfe Töne scheut wie der Teufel das Weihwasser.

"Er nimmt sich zurück", meint Heinrich Oberreuter, Leiter der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Hauptgrund sei, dass Stoiber die Geschlossenheit der Union jetzt über alles stelle. "Dafür werden manche Aussagen weicher gespült, als sie im Wahlkampf bleiben dürfen", sagt Oberreuter, der der CSU durchaus nahe steht. "Ich sehe da eine klare Tendenz zur Abflachung des Profils."

Diesen Vorwurf weisen Stoibers Berater zurück - auch wenn sie interne Kritik am Auftreten des Kandidaten einräumen müssen. "Es läuft so gut, dass man es sich offenbar schon wieder erlauben kann zu mäkeln", sagt Landesgruppenchef Michael Glos. "Gemäkelt wird nur, wenn es gut läuft." Stoiber komme gut an, gerade weil es seinen Gegnern nicht gelinge, ihn in die rechte Abseitsfalle zu treiben. "Wir haben einen Kandidaten, der sich nicht irre machen lässt, wenn es heißt, er müsse martialischer, eckiger, kantiger auftreten", betont Glos.

"Es gilt das gestammelte Wort"

Trotzdem fragt sich mancher, warum Stoibers Umfragewerte konsequent so weit hinter Schröders zurückbleiben, obwohl die Union doch klar vor der SPD liegt. Liegt es an Stoibers Image des besessenen Arbeiters, dem jeder Sinn für das Schöne und Gute abgeht? "Gegen Schröder, der sich als die personifizierte Entwarnung inszeniert, erscheint er als einer, der Unruhe stiftet", analysiert die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". "Als der Lehrer, der mit seinen ständigen Ermahnungen zwar Recht hat, dadurch aber nicht sympathischer wird."

Stoibers Wahlkampfmanager Michael Spreng, ehemals Chefredakteur der "Bild am Sonntag", hat dies in die Formulierung gegossen, der Kandidat sei ein "ernster Mann für ernste Zeiten". Die Wahlkampagne zeige das Bild eines Mannes, der sich nicht verbiegen lasse, betont Spreng, "der sagt, was er denkt und denkt, was er sagt". Dass dies nicht immer leicht ist, hatte Stoiber gleich nach seiner Nominierung erlebt, als er Sabine Christiansen in ihrer Talkshow als "Frau Merkel" ansprach und sich so sehr in Details verhedderte, dass die "Süddeutsche Zeitung" später spottete: "Es gilt das gestammelte Wort."

Der Auftritt gilt als Schlüsselerlebnis für Stoiber. Seither hat der 60-Jährige offensichtlich viel an sich gearbeitet: Der Kandidat redet langsamer, hört länger zu, versucht, auf seine Gesprächspartner stärker einzugehen.

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die an diesem Sonntag genau auf den Tag fällt, an dem Stoiber 100 Tage Kanzlerkandidat ist, gilt als bisher wichtigstes Stimmungsbarometer für die Bundestagswahl. Doch ganz egal, wie das Rennen am Ende ausgeht, eine Gefahr für den bayerischen Löwen sieht Experte Oberreuter nicht: "Er kann zu kurz springen. Aber als Bettvorleger wird er nicht landen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%