Die Anti-Taliban-Milizen im Norden Afghanistans setzen sich aus fünf verfeindeten Gruppen zusammen – Keine gemeinsame Militärstruktur
Misstrauen schwächt die Kampfkraft der Nordallianz

Seit einigen Wochen nennt sich die "Nordallianz", der Zusammenschluss der militärischen Anti-Taliban-Gruppen im Norden Afghanistans, offiziell "Vereinigte Front". Dies hat auch mit der erhöhten Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu tun, die sie seit den Terroranschlägen in den USA dem 11. September genießt und sie zu einem begehrten Partner der von den USA angeführten Anti-Terror-Allianz macht.

bi NEU DELHI. Doch der Name "Vereinigte Front" ist nicht ganz neu. Bereits als die Nordallianz vor vier Jahren gegründet wurde, nannte sie sich "Vereinigte Islamische Front für die Rettung Afghanistans".

Von einer Front konnte aber nie die Rede sein. Die einzige Gemeinsamkeit ihrer fünf Mitgliedsgruppen besteht darin, dass jede schon einmal gegen jede gekämpft hat. Zudem behielten sie ihre alten Operationsräume, ohne militärische und administrative Kompetenzen in die gemeinsame Struktur einzubringen. So konnten die Taliban ihre Gegener schon ein Jahr nach der Eroberung Kabuls aus den zentralen und westlichen Teilen Afghanistans nach Norden zurück drängen.

Der erste Führer der "Vereinigten Front" war Abdul Malek, Chef der usbekischen "Jumbesh"-Miliz. Er hatte sich kurz zuvor nach einer Revolte gegen Rashid Dostam an die Spitze der "Jumbesh"" gesetzt. Malek zwang Dostam zur Ausreise in die Türkei und wechselte mit seiner Miliz zu den Taliban über.

Er verriet dabei auch Ismael Khan, den Guerilla-Kommandanten aus der Provinz Herat. Er lieferte diesen und 2 000 von dessen Kämpfern an die Islamschüler aus.

Doch rasch wandte sich Malek wieder gegen die Tailiban und richtete unter diesen ein Blutbad an. Rund 10 000 Taliban-Kämpfer kamen in Gefangenschaft. Später wurden bei der Stadt Shiberghan westlich von Mazar e-Sharif Massengräber mit den Leichen von rund 2 000 Taliban-Kämpfern gefunden - ein Faktum, das von der internationalen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde.

Nach dem Massaker sah sich Malek für seine heroische Tat eines doppelten Frontwechsels belohnt: Er wurde zum ersten Chef der "Vereinigten Front" gewählt.

Wie künstlich diese Front ist, zeigt sich an der Tatsache, dass ausgerechnet die wichtigste Gruppierung der "Jamiat Islami" von Ismael Khan ist. Khan wurde als Folge von Maleks Verrat von den Taliban zwei Jahre in Haft gehalten, bis ihm 1999 die Flucht gelang und er sich wieder der Nordallianz anschloss. Malek war inzwischen wieder durch seinen alten Mentor Rashid Dostam ersetzt worden.

Zur "Vereinigten Front" gehören auch die zwei Fraktionen der "Hezbe Wahdat", die 1989 auf Initiative Irans als Zusammenschluss von acht schiitischen Parteien gegründet worden war. Auch der "Wahdat" blickt auf tief greifende Konflikte mit seinen Bundesgenossen zurück, die zwischen 1994 und 1996 zu wahren gegenseitigen Gemetzeln führten.

Die fünfte Gruppe in der "Vereinigten Front" war die "Ittehad Islami" von Rasul Sayyaf, eine Sunniten-Partei, deren radikale schiitsche Agenda ihr Gewicht in der Allianz von Anfang beschränkte.

Selbst die gemeinsame Gegnerschaft zu den Taliban hätte nicht ausgereicht, um diese verfeindeten Guerilla-Gruppen unter das Dach einer gemeinsamen Front zu bringen. Es war die internationale Politik, die dies schließlich zu Stande brachte: die Anerkennung der Taliban durch Pakistan und anschließend durch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Es sollten die einzigen Länder bleiben, welche die Islamschüler in Kabul als legitime Vertreter Afghanistans betrachteten, obwohl diese zeitweise bis zu 95 % des Territoriums beherrschten. Nach den Anschlägen in den USA haben Saudi-Arabien und die VAE ihre Beziehungen zu den Taliban aber aufgekündigt.

Die Weltgemeinschaft hält an der Nordallianz als legitime Vertreterin von ganz Afghanistan fest. Dieser völkerrechtliche Schutz und nicht die Militärhilfe, die an die Nordallianz floss, waren während der letzten vier Jahre ihre wichtigsten Überlebenshilfen. Das gegenseitige Misstrauen ihrer Anführer lässt aber weiterhin nur einen kleinen Grad militärischer Koordination zu.

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