Die Anti-Terror-Allianz führt zu einer Renaissance der Realpolitik – auch in Deutschland
Analyse: Balanceakt zwischen Macht und Moral

Die Allianz gegen den Terror hat bislang noch keines ihrer Ziele erreicht. Weder wurde Terroristenführer Osama bin Laden gestellt, noch wurde das menschenverachtende Taliban-Regime in Afghanistan gestürzt. Stattdessen nehmen die so genannten Kollateralschäden zu, die humanitäre Katastrophe in Mittelasien erreicht dramatische Ausmaße. Vieles spricht dafür, dass die umstrittene amerikanisch-britische Kriegsführung den Islamisten immer neue Anhänger zutreibt. Die Allianz gegen den Terror könnte so unfreiwillig die Ausbreitung des Terrors fördern.

Trotz dieser negativen Zwischenbilanz drängen Deutsche, Italiener und Spanier in den Krieg. Alle wollen dabei sein, wenn es um die Feinjustierung der Kriegsziele, um die Revision der Strategie und um den Friedensschluss geht. Dies ist durchaus verständlich. Denn nur wer sich aktiv an der Allianz gegen den Terror beteiligt, kann sich später zu den Siegermächten zählen und auf die - dann hoffentlich kommende - neue Weltordnung Einfluss nehmen. Wer hingegen abseits steht, verliert nicht nur an Macht, sondern könnte auch in den Bannstrahl der USA geraten.

Wie jeder Krieg, so hat also auch der Afghanistan-Feldzug zu einer Renaissance der Realpolitik und des Machtdenkens geführt. Diese Renaissance könnte die Welt weit über die Krisenregion Mittelasien hinaus verändern. Schon jetzt zeichnen sich historische Zäsuren ab: Nicht nur Deutschland, sondern auch Japan und Schweden haben ihre bisherige Politik der militärischen Zurückhaltung bzw. Neutralität aufgegeben. Zugleich sind große Institutionen wie die Nato und die Europäische Union ins Hintertreffen geraten. Kleine EU-Staaten wie Österreich oder Belgien fühlen sich gar an den Rand gedrängt. Der Londoner Mini-Gipfel der kriegswilligen EU-Staaten sei nicht akzeptabel gewesen, schimpft Österreichs Kanzler Wolfgang Schüssel - und warnt vor einer Spaltung der EU.

Am vehementen Protest der kleinen EU-Staaten wird deutlich, dass die Renaissance der Realpolitik ihren Preis hat. Die Allianz gegen den Terror ist eben nicht nur ein Bündnis der "Guten" gegen die "Bösen", sondern auch ein Club der Großen, die sich im Zweifel über die Belange der Kleinen hinwegsetzen. Sie ist nicht nur ein Verbund zur Ausschaltung bin Ladens, sondern zugleich ein - unfreiwilliges - Vehikel zur Aufwertung des zwielichtigen pakistanischen Diktators Pervez Musharraf. Sie verfolgt nicht nur uneigennützige Ziele, sondern dürfte auch über den künftigen Zugriff auf Rohstoffe in Mittelasien mitentscheiden.

Ob Bundeskanzler Gerhard Schröder all dies bedacht hat, als er den Amerikanern 3 900 Bundeswehrsoldaten andiente? Manche Äußerung von Außenminister Joschka Fischer und Verteidigungsminister Rudolf Scharping spricht dafür. Scharping sprach von der Rolle Deutschlands in der Welt, Fischer von Möglichkeiten des Einflusses auf die Amerikaner. Von der Kehrseite des neuen Machtanspruchs - Berlin muss Freunde düpieren, Feinde hofieren, die Bundeswehr nach- und aufrüsten - redeten sie nicht.

Bleibt zu hoffen, dass die Regierung ihre neue Rolle auch wirklich nutzt, um auf die Strategie der Amerikaner Einfluss zu nehmen. Zwar wird Deutschland noch lange nicht so viel zu melden haben wie die ehemaligen Kolonialmächte England und Frankreich, die von Anfang an am Afghanistan-Einsatz beteiligt waren und auch permanent im Uno-Sicherheitsrat mitreden. Dafür bringt Deutschland einen weltweit anerkannten moralischen Anspruch und den Wunsch nach Mäßigung mit. Moral und Mäßigung sind im Kampf gegen den Terror gewiss nicht die schlechtesten Waffen.

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