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Die arabische Welt wird in jedem Jahr ärmer

Seit dreißig Jahren nehmen die meisten Staaten des Nahen und Mittleren Ostens alljährlich hundertre von Milliarden Dollar aus dem Ölexport ein. Doch weil das Wachstum der Bevölkerung über dem der Wirtschaft lag und weiter liegen wird, geht der Lebensstandard der breiten Bevölkerung imer noch zurück.

bce NICOSIA. Der hohe Ölpreis verheißt der arabischen Welt wieder bessere Zeiten. Die Ölstaaten am Persischen Golf rechnen in diesem Jahr mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 3,8 % gegenüber 2,6 % 1999 und gar nur 1,1 % 1998. Ökonomen der Region erwarten aber, daß auch die nicht von Ölexporten abhängigen arabischen Staaten in diesem Jahr dank gestiegenen Importbedarfs aus der EU, der wirtschaftlichen Erholung in Asien und positiver Auswirkungen des höheren Petrodollarflusses in die Bruderländer wirtschaftlich besser abschneiden werden. Während man für Ägypten und Tunesien ein Wirtschaftswachstum von bis zu 6 % erwartet, rechnen Experten mit durchschnittlichen Steigerungsraten von bis zu 4,6 % für den gesamten Mittleren Osten und Nordafrika. Solche Aussichten wecken neuen Optimismus in einer Region, der düstere Statistik meist wenig Gutes verheißt. Der kürzlich veröffentlichte "Gemeinsame Arabische Wirtschaftsbericht" für 1999, eine jährlich von der Organisation arabischer Ölexportländer, der Arabischen Liga, dem Arabischen Währungsfonds und dem Arabischen Fonds für wirtschaftliche und soziale Entwicklung erarbeitete Studie der ökonomischen Situation der 21 arabischen Staaten, spricht von einer dramatischen Einkommenskluft in diesem Raum. Die Experten identifizieren drei Haupttrends: ein intensives, jedoch keineswegs immer erfolgreiches Streben, ein Wirtschaftswachstum zu erreichen, das jenes der Bevölkerung übersteigt; Suche nach einer neuen, reduzierten Rolle des Staates im Wirtschaftsleben der einzelnen Länder und eine unvermindert starke Abhängigkeit der arabischen Ökonomien von internationalen Faktoren (wie Schuldennachlaßpolitik, Ölpreise, Weltmarktpreise für Exportprodukte). Laut Wirtschaftsbericht ist es den arabischen Staaten auch im ausgehenden 20. Jahrhundert nicht gelungen, das Bevölkerungswachstum entscheidend zu verringern. Es lag 1988 (dem von der Statistik erfassten Jahr) immer noch im Schnitt bei 2,41 % (gegenüber 2,55 % im Jahr 1997 und 2,8 % in der ersten Hälfte der 80er Jahre). Die arabische Welt zählt heute 270 Millionen Menschen, 61 Millionen mehr als vor einem Jahrzehnt. Zugleich schrumpften die Volkswirtschaften 1998 um 1,7 %. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank von 599 auf 589 Mrd. $ - eine Entwicklung, die den starken Fall der Ölerträge von 118 auf 82 Mrd. $ reflektiert. Im Schnitt erreicht das BIP in der arabischen Welt pro Kopf nur etwa die Hälfte jenes Italiens. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen fiel 1998 um 3,8 %, von 2 268 auf 2 182 $. Das Pro-Kopf-Einkommen der arabischen Welt hatte 1980 einen Höhepunkt von 2 612 $ erreicht und war 1991 auf einen Tiefstand von 1 826 $ abgesackt. Da Öl- und Gasexporte immer noch 49 % der Gesamteinkünfte ausmachen sanken als Folge der niedrigen Weltmarktpreise die öffentlichen Erträge 1998 im Schnitt um 16 % auf insgesamt 144 Mrd. $. Die Statistik zeigt, daß es arabischen Regimen, ungeachtet so mancher Ansätze zu Strukturreformen, bis heute nicht gelungen ist, die Staatsbudgets durch direkte Besteuerung der Bürger zu finanzieren und diese Gelder wieder zum Wohl der Untertanen einzusetzen. Direkte Steuern machen bis heute nur 8 % der staatlichen Einkünfte aus. Die öffentlichen Ausgaben lagen in diesem Teil der Welt, wie in den fünf vorangegangenen Jahren, bei etwa 176 Mrd. $, 34,5 % des BIP, eine scharfe Reduktion von den 40 % des vergangenen Jahrzehnts. Doch Verteidigung und Sicherheit bleibt unvermindert der höchste Posten, mit im Schnitt 27 % der Gesamtausgaben. Die schwach ökonomische Entwicklung der arabischen Welt ist nach Ansicht von Experten auf eine Kombination externer und interner Faktoren zurückzuführen: die äußerst langsame Verwirklichung von Wirtschaftsreformen; die Unfähigkeit, effektiv auf den Weltmärkten zu konkurrieren; das Fehlen einer regionalen Wirtschaftsvision; politische Stagnation und die Krise im nahöstlichen Friedensprozess. Die Ökonomen stellen fest, daß eine kleine Schichte von Arabern stetig reicher wird, während sich die überwältigende Mehrheit mit immer weniger begnügen muß. Auch das regionale Gefälle alarmiert: In den Vereinigten Arabischen Emiraten etwa liegt das Durchschnittseinkommen bei 16.740 $, in Jordanien bei 1.550, in Mauretanien hingegen bei nur 399 $. .

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