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Die Arbeit wandert aus

In den Industriestaaten geht die Angst um: Jobs werden in Billiglohnländer verlagert. Politiker beschimpfen die Unternehmen - statt Grundlagen für mehr Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen.

Gute Nachrichten vom Arbeitsmarkt: Deutsche Unternehmen stellen wieder ein - zum Beispiel Ingenieure, Software-Entwickler, Buchhaltungshilfen und Telefonisten fürs Call-Center. Schon steigen die Löhne für qualifizierte Kräfte, weil gut ausgebildete Leute knapp werden. Inzwischen werden Menschen aus entlegenen Regionen sogar mit Bussen in die Ballungszentren gekarrt, um die Nachfrage der boomenden Wirtschaft zu befriedigen.

Schöne neue Arbeitswelt - nur leider nicht in Deutschland, sondern im ungarischen Györ, im slowakischen Bratislava und im indischen Bangalore.

Während hierzulande die Arbeitslosigkeit immer neue Rekordhochs erklimmt, schaffen deutsche Firmen im Ausland fleißig neue Stellen: der Brillenhersteller Rodenstock in Tschechien, die Reifenfirma Continental in Rumänien, VW in der Slowakei. Bei Siemens wird zwar noch heftig gestritten, aber nicht mehr ob, sondern nur noch wie viele der bis zu 10.000 zur Diskussion stehenden Arbeitsplätze nach China oder Osteuropa gehen. Auch amerikanische Firmen sind ganz vorn dabei, wenn es um die Belebung des chinesischen oder indischen Arbeitsmarktes geht, während daheim die jobless recovery, der Aufschwung ohne Arbeitsplätze, für Schlagzeilen sorgt. Hartnäckige Arbeitslosigkeit ist plötzlich auch ein amerikanisches Problem.

Ähnliche Debatten

In Deutschland schüren spektakuläre Verlagerungspläne wie die von Siemens und der bevorstehende EU-Beitritt von Ländern wie Polen oder Tschechien die Angst vor einer Massenflucht der Arbeit. Die osteuropäischen Billigstandorte liegen direkt vor der Haustür, und sie bieten im Gegensatz zu China oder Indien auch noch Rechtssicherheit, hohe politische Stabilität, geringe kulturelle Hürden und einen - unumkehrbar - freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt. In den Vereinigten Staaten drehen sich die Ängste mehr um China und Indien, sonst ist die Debatte ähnlich. Zwar hat sich die reiche Welt an den Verlust von Jobs für Arbeiter längst gewöhnt, seit 1950 ist in Amerika der Anteil an Industriearbeit von 31 auf 12 Prozent geschrumpft. Aber jetzt sind auf einmal auch wohlhabendere Arbeitnehmer betroffen, die Jahre in Universitäten zugebracht haben und sich eines Lebens im Wohlstand stets sicher waren.

"Vermehrt erreicht die Verlagerung von Arbeitsplätzen auch mittlere Einkommensschichten", sagt Klaus Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.

Politiker wissen: Diese Mittelschichten sind wahlentscheidend. Kein Wunder also, dass sie gereizt reagieren, wenn Firmen flüchten. "Mangelnden Patriotismus" nennt das Bundeskanzler Gerhard Schröder, als "vaterlandslose Gesellen" geißelt der neue SPD-Generalsekretär Unternehmer. In den USA wettert der designierte demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry gegen "verräterische Unternehmen" und schlägt Steuernachteile für Job-Exporteure vor. Etliche amerikanische Städte, Staaten und Washingtoner Ämter schließen solche Firmen schon heute von öffentlichen Aufträgen aus, und die Gefahren der Globalisierung avancieren neben der Terrorismusbekämpfung zum Reizthema der bevorstehenden US-Wahlkampagne.

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