"Die Banken haben uns vor den Karren gespannt"
Beim Euro-Startschuss wird der Einzelhandel zur Wechselstube

Bäcker, Tankstellen, Lotto- und Lebensmittelgeschäfte werden zum Jahresbeginn zur "Bankfiliale um die Ecke". Denn dass die Bundesbürger ihre letzte D-Mark-Barschaft am Schalter ihrer Sparkasse in Euro tauschen, hält Andreas Bremke, Geschäftsführer des Lebensmittelhändlers Bremke & Hoerster für Wunschdenken.

dpa ARNSBERG. "Wir haben uns darauf eingerichtet", sagt er. "So etwa das Fünffache" an Wechselgeld habe sein Unternehmen für die Umstellungsphase geordert. Die Euro-Umstellung hätte sich der 40-jährige, der mit seinen Famila-Warenhäusern, mit Combi-Märkten und der Friz-Getränkekette laut Branchenkennern rund 2,1 Mrd. DM (1 Milliarde Euro) Umsatz macht, anders gewünscht: "Der Handel hat immer für den Big Bang plädiert", sagt er und fügt hinzu, dass er froh sei, dass zumindest die zuerst angedachte Übergangszeit von sechs Monaten verhindert werden konnte.

Ähnlich äußert sich auch Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Tankstellengewerbes (ZTG) in Bonn: "Das Entscheidende sind die ersten zwei Tage, denn da sind wir mit den Bäckern, Gastronomen und Taxifahrern allein die Wechselstuben." Erst danach verteile sich diese Aufgabe ja auf den gesamten Handel. Die Finanzierung der notwendigen Wechselgeld-Bestände könnte viele der meist hoch verschuldeten Tankstellen-Pächter über Gebühr belasten.

"Die Banken haben uns mit Hilfe des Gesetzgebers als Geldsauger vor den Karren gespannt", sagt auch Bremke nicht ohne Groll. Es sei ja nicht nur so, dass die Geschäftsleute das Geld wechselten, sondern sie müssten auch die Kosten und Risiken tragen. Er wies zudem darauf hin: "Nach Weihnachten ist üblicherweise mehr Bargeld in Umlauf." Bremke rechnet damit, dass die Umstellung im deutschen Handel rund ein Prozent eines Jahresumsatzes kosten wird.

Dass das Einführung des Euro-Bargeldes auf den Handel abgewälzt werde, ist für Thomas Frye von der IHK Arnsberg ein "Zugeständnis an den Verbraucher". Er appelliert an die Kunden: "Zahlt möglichst genau", und hofft, "dass die Leute nicht ihren Hunderter wechseln, indem sie ein Kaugummi damit kaufen."

Bremke musste in seinen 100 Supermärkten 1 150 Kassenkräfte schulen. Zwischen dem 31. Dezember und 2. Januar stehen nicht nur die üblichen Inventuren an, sondern auch die Umstellung von etwa 850 Kassen und rund 900 Waagen. 20 000 Einkaufswagen wurden bereits für die einen Hauch dickeren Euro-Münzen umgerüstet.

Trotz des Ärgers, der in den Zwischentönen mitschwingt, bekennt sich Bremke klar zur neuen Währung. Der Euro bringe dem Verbraucher nicht nur Vorteile bei Auslandsreisen. Wegen der neuen preislichen Transparenz in Europa müsse sich auch der "Beschaffungsmarkt neu aufstellen". Deshalb rechnet er damit, dass die Preise an der Ladenkasse stabil bleiben. Ab dem 2. Januar lässt er neue Preise nur noch in Euro auszeichnen. Die Kunden sollten möglichst schnell "in Euro denken". Bremke erwartet, dass dies nach spätestens zwei bis drei Monaten passiert ist. "Das kennt man doch aus dem Urlaub", sagt er. Wer nach Frankreich fahre, stehe die ersten Tage kopfrechnend vor den Regalen. "Spätestens nach einer Woche kaufen alle ganz normal ein."

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