Die Belgier sind für die Franzosen so etwas wie die Ostfriesen für Deutschland
Wo die EU zu Tische sitzt

Wer für den Herbst eine kulinarische Städtereise plant, sollte die Stadt mit den meisten Sterne-Restaurants Europas in Betracht ziehen. Nein, nicht Paris - sondern Brüssel.

Wer einen Frankophilen auf die Palme bringen will, muss nur eines behaupten: dass einige der besten französischen Restaurants in Brüssel zu finden sind. Denn für Franzosen ist die manchmal verschlafen scheinende Millionenstadt alles, nur eines nicht: französisch. Die Belgier sind für die Bürger der Trikolore so etwas wie die Ostfriesen für den Rest Deutschlands. Vielleicht sollten deshalb Brüssel-Fans ihre Pariser Freunde einfach mal einladen zu einer gestopften Taube mit Trüffel in dem dreisternigen Gourmet-Paradies "Comme Chez Soi". Mal sehen, was der lästernde Franzose dann zu sagen hat.

Sogar Frankreichs Premier Jean- Pierre Raffarin gibt zu, dass er ein Lieblingsrestaurant in Brüssel hat: Im "Chez Jacques" speiste er in den 90ern als Mitglied des Europäischen Parlamentes.

15 000 Mitarbeiter hat die EU, aus 15 Mitgliedstaaten kommen sie, dazu die Beitrittskandidaten - eine Menge kulinarischer Einflüsse und Vorlieben kommen da zusammen. Kulturell mögen London oder Madrid mehr zu bieten haben, das belgische Wetter gehört gar zum Schlimmsten, was es auf dem Kontinent zu erleben gibt - doch in Sachen Speisen liegt Brüssel weit vorn. 1 800 Restaurants gibt es hier, 20 davon sind sternebeschienen: Mehr hat keine andere Stadt zu bieten. Das Brüsseler Fremdenverkehrsamt weist gern darauf hin, dass hier auch Paris zurückbleibt.

"Brüssel ist der Himmel für Gourmets", sagt denn auch EU-Landwirtschaftskommissar Franz Fischler. "Es wäre eine Schande, nur in österreichische Restaurants zu gehen." Und ziemlich eintönig, Herr Fischler, es gibt nämlich nur eines: das "Schmankerl" in der Chaussée de Wavre. Andere Eurokraten haben es da einfacher, heimatliche Genüsse zu finden. Die griechische Arbeits- Kommissarin Anna Diamantopoulou zum Beispiel ist oft im griechischen "Strofilia" zu finden. Rechts-Kommissar António Vitorino aus Portugal kehrt dagegen ins "Forcado" ein - für alle Arten von Meerestieren.

Bei solch einem reichhaltigen Angebot kapituliert sogar der Franzose. "Am oberen Ende findet man in Brüssel wirklich exzellente französische Restaurants", gesteht Philippe Lemâitre, Politikberater und 30 Jahre lang Brüssel-Korrespondent von "Le Monde". "Was ich vermisse, sind gute, bodenständige Brasserien." Seine Empfehlungen: das unprätentiöse "Stirwen" in der Chaussée St. Pierre und das gehobene "Comme Chez Soi"

Es sei nicht verschwiegen: Es gibt auch kritischere Esser. Wirtschafts- Kommissar Pedro Solbes zum Beispiel: "Er geht in Brüssel nicht in spanische Restaurants, denn es gibt keine guten", lässt er über einen Sprecher ausrichten. Carmona Nunez aus seinem Wirtschaftsausschuss sieht das anders. Sie empfiehlt das kuschelige "El Centro Gallego": "Ist fast ein wenig wie zu Hause."

Und auch für Luigi Gambardella schmeckt die EU-Kapitale einfach nicht wie Mamas Kost: "Das Essen hat hier nicht die Raffinesse wie in Italien", sagt der Lobbyist für Telecom Italia. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, regelmäßig im "Pappa e Citti" sardische Spezialitäten zu ordern.

Andere dagegen wollen gar nicht essen wie bei Muttern. "Briten und Holländer haben eines gemeinsam: Sie wollen der Mittelmäßigkeit ihres Essens entkommen", lästert Jonathan Todd, britischer Sprecher des niederländischen Markt-Kommissars Frits Bolkestein. Wer trotzdem englisch dinieren möchte: "The Wild Geese" ist der übliche Treffpunkt der Union- Jack-Gemeinde. Neil Kinnock, Vize-Präsident hinter Romano Prodi, lässt sich dort allerdings nicht blicken: "Ich bin mit der besten Köchin der walisischen Geschichte verheiratet."

"Es gibt auch keine schwedischen Restaurants in Brüssel. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das schlecht ist", schmunzelt Carls Asplund, Schwedens EU-Wirtschaftsberater. Immerhin serviert das "Nordica" aber eine Auswahl skandinavischer Köstlichkeiten, vom Rentier-Filet bis zum Eis mit wilden gelben Himbeeren.

Bleiben noch die Einheimischen. An guten belgischen Lokalitäten mangelt es nicht. Egal ob das "La Fleur à Papier Doré", wo schon Magritte gern aß, oder das rauchige "A la Mort Subite" - Auswahl gibt es reichlich. Verlassen wir uns also auf einen Belgier: Forschungskommissar Philippe Busquin. Seine Empfehlung: "Filet Americain" (in Deutschland als Tartar bekannt) und Muscheln im "Aux Armes du Bruxelles": "Mein absolutes Lieblingsrestaurant."

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