Die Börse braucht schlechte Laune
Für Trendwende fehlt noch die Kapitulation der Anleger

"Kaufen, wenn die Kanonen donnern", sagte Börsen-Altmeister André Kostolany. Die Anlagephilosophie mit dem Namen "Contrary Opinion" heißt so viel wie: Kaufen, wenn die Stimmung am Boden ist; und verkaufen, wenn die Euphorie groß ist. Hintergrund: Optimisten haben ihr Geld investiert; Pessimisten warten dagegen auf bessere Zeiten und sind deshalb potenzielle Käufer.

HB DÜSSELDORF. In der Vergangenheit erwies sich die Börsenregel als zuverlässig. Die schlechte Stimmung während der Asienkrise 1998 bescherte dem Dax in drei Monaten ein Kursplus von 30 %. Als dagegen 1999 und Anfang 2 000 die Skepsis überwog, weil die Mehrheit an die Überbewertung der Börsen glaubte, explodierten vor allem die Kurse an den Technologiebörsen. Erst in der Gier kam es zum Crash.

Trifft die "Contrary Opinion" auch jetzt wieder zu, dann sieht es für die Aktienkurse düster aus. Denn alle Institutionen, die die Börsenstimmung messen, ermitteln eine positive Stimmung. "Nur kurzfristig hat sich das Sentiment wieder verschlechtert. Doch auffällig ist, dass der mittelfristige Optimismus sogar etwas zugenommen hat", fasst Manfred Hübner, Vorstandschef der Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands (VTAD) die Stimmung zusammen.

Mit dem "Sentix" ermittelt der VTAD ein Stimmungsbild an den Kapitalmärkten. Dabei werden professionelle und private Investoren wöchentlich über ihre Erwartungen für Aktien, Renten und Devisen befragt (www.sentix.de). Die jüngste Wochenauswertung ergibt, dass es für die US-Technologiebörse Nasdaq auf Basis eines mittelfristigen Anlagehorizontes 18 % mehr "Bullen" als "Bären" gibt - Optimisten haben also die Oberhand. Beim Dax und S&P-500-Index überwiegen die "Bullen" mit 12 % bzw. 16 %. Nur auf Sicht eines Monats liegt die Stimmung meist im negativen Bereich.

Diese Anlegerhaltung ermitteln auch US-amerikanische Institutionen wie "Investor Intelligence". Teilweise hat die Zuversicht auf Basis von sechs Monaten und mehr sogar ein historisch hohes Niveau erreicht. Kaum jemand rechnet mit fallenden Kursen.

Die Fondsverwaltung Dr. Jens Erhardt Kapital in München registriert derzeit 60 % Optimisten. Im April lag der Anteil nur bei 38 %. Auch Erhardt sieht die Trendwende in weiter Ferne: "Vor allem im Technologie-Sektor gab es noch keine Aufgabestimmung. Die ist aber notwendig, damit es wieder aufwärts geht." Kurzfristig deute allerdings das hohe Put-Call-Verhältnis (1,6 Optionsscheine auf fallende Kurse gegenüber einem Call auf steigende Kurse) auf eine Rally hin. Ebenso wie der VTAD ermittelt auch Erhardt auf kurzfristige Sicht ein hohes Risikobewusstsein der Anleger. Ursache dürften die durchwachsenen Quartalszahlen der Technologie-Unternehmen und die meist schlechten Ausblicke sein.

Vor allem im Neuen Markt vermisst Manfred Hübner aber die Kapitulation. "Viele Investoren sitzen ihre Verluste aus und haben diese täglich vor Augen. Für eine Trendwende ist aber nötig, dass Anleger das Kapitel vorher abschließen, um später für einen Neubeginn bereit zu sein."

Eine zweigeteilte Stimmung stellt dagegen Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin fest. "Die meisten Broker verbreiten Zweckoptimismus. Dagegen sind die Kunden tief enttäuscht. Sie sitzen auf Verlusten und haben keine Lust mehr, neue Risiken einzugehen", stellt die auf politisch-psychologische Börsenfaktoren spezialisierte Analystin fest. Und noch etwas stimmt Traud optimistisch, dass die Stimmung vielleicht schon negativ genug ist: In den vergangenen Wochen haben die Aktien-Verkaufsempfehlungen in ihrer Zunft stark zugenommen.

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