Die Börse Japan liegt auf dem niedrigsten Stand seit 19 Jahren
Die Hoffnungen richten sich auf das erste Halbjahr

Eine schwache Börse führt zu einer besseren Politik und damit wieder zum Aufschwung an der Börse: Dies ist das optimistischste Szenario für den Aktienmark in Tokio. Andere Experten sind vorsichtiger. Sie erwarten zwar eine Erholung im ersten Halbjahr, danach aber schon wieder sinkende Kurse.

HB TOKIO. Nach einem enttäuschenden Börsenjahr 2002 herrscht in Japan für das kommende Jahr leichter Zweckoptimismus. Obwohl viele Ökonomen schon wieder ein Ende der wirtschaftlichen Erholung sehen, prognostizieren nicht wenige Aktienstrategen für die kommenden zwölf Monate Indexsteigerungen von 30 %. Viele warnen aber auch, dass es in der zweiten Jahreshälfte wieder bergab gehen könnte.

Während des vergangenen Jahres hatten die wichtigsten Aktienindizes, der breiter gestreute Topix und der auf die 225 wichtigsten Werte konzentrierte Nikkei 225, rund 20 % verloren. In der ersten Jahreshälfte hatte es die Tokioter Börse noch geschafft, sich vom Abwärtstrend in den USA und Europa abzukoppeln. Eine starke Exportentwicklung ließ die ökonomischen Erwartungen ebenso steigen wie erste Sanierungserfolge der großen Firmen. Von März bis Juli hielt sich der Topix um 1100 Punkte, der Nikkei kämpfte mit der 12 000er Marke. Danach jedoch ging es bergab. Die Binnennachfrage zog nicht genügend an, die Bedenken stiegen, dass die Erholung schon bald enden könnte. Zudem drückte der Abzug von Kapital institutioneller Investoren aus dem Ausland, die wegen Probleme zu Hause die Positionen in Asien reduzierten, die Kurse nach unten. Nikkei und Topix rutschten auf die tiefsten Stände seit 19 Jahren.

"Im vergangenen Jahrzehnt wurde der Trend des japanischen Marktes allgemein von ausländischen Investoren entschieden", sagt Aktienstratege Juichi Wako von der Investmentbank Nomura. "Im japanischen Aktienmarkt selbst gibt es derzeit kaum Risikoanleger." Die Banken etwa stecken ihr Geld lieber in Staatsanleihen und versuchen eher, sich von früher erworbenen Aktien zu trennen. Auch 2003 würden ausländische Investoren über die Tendenz Börse entscheiden, meint Wako. "Grundsätzlich wird der japanische Markt deshalb der US-Entwicklung folgen." Er sieht den Nikkei in zwölf Monaten bei 11 000 Punkten, ein deutlicher Anstieg von derzeit rund 8500. Die Investmentbank Goldman Sachs hält für Ende 2003 einen Topix-Stand von 1200 Punkten für möglich. Wahrscheinlich sei jedoch eher eine Rally in der ersten Jahreshälfte, gefolgt von sinkenden Kursen in der zweiten.

Genügend inländische Einflussfaktoren

Das kommende Jahr bietet genügend inländische Einflussfaktoren, die besonders in der ersten Jahreshälfte für hohe Kursschwankungen sorgen dürften. Zum einen dürfte die Wahl eines neuen Gouverneurs der japanischen Zentralbank im März die Kurse bewegen. Die Regierung sucht einen "Deflationsbekämpfer". Zudem ist wie in jedem Jahr der 31. März ein wichtiges Datum für die Börse: das Ende des Fiskaljahres in Japan, an dem die Unternehmen ihre Bücher schließen. Regelmäßig vor diesem Datum reißen Spekulanten vor allem die Bankentitel in Höhen und Tiefen.

Im vergangenen Jahr haben die Bankaktien rapide nachgegeben, seit Heizo Takenaka Ende September das Amt als neuer Minister für die Finanzmarktaufsicht übernommen hat. Im Vergleich zum Jahresanfang 2002 ist das Papier der größten Bank, Mizuho Holdings, etwa gerade noch ein Drittel wert. Noch schlechter ist die Entwicklung des Branchenvierten UFJ, dem nachgesagt wird, dass er wegen der anstehenden strengeren Bewertung der faulen Kredite als erster eine Kapitalspritze benötigen wird. Unter den Regionalbanken könnte es auch zu Zusammenbrüchen kommen. Und es bleibt abzuwarten, ob eine striktere Kreditvergabe der Banken wie befürchtet die Zahl der Unternehmenspleiten steigen lässt. Eventuelle negative Effekte werden in der zweiten Jahreshälfte erwartet. Entscheidend wird sein, wie durchgreifend Takenakas Maßnahmen zur Beseitigung der faulen Kredite führen. Die meisten Analysten glauben eher an ein teilweises Aufräumen statt an ein komplettes Reinemachen. Sie rechnen entsprechend kurzfristig mit weniger deflationären Effekten. Sollte es so kommen, könnte dies den Bankensektor im neuen Fiskaljahr zunächst stabilisieren, die Kurse aber langfristig wieder belasten.

Da die Restrukturierung der Unternehmen auf wenige starke Firmen begrenzt bleibe, seien die Kursgewinne nicht nachhaltig, fürchtet Goldman Sachs. Besonders unter den kleinen und mittelgroßen Firmen bleiben viele stark überschuldet. Die Vorlage der Bilanzergebnisse im Mai wird Aufschluss darüber geben, inwieweit bei den stärkeren Unternehmen mit anhaltenden Gewinnverbesserungen durch Restrukturierung zu rechnen ist. Hidenao Miyajima von Commerzbank Securities erwartet sinkendes Gewinnwachstum und prognostiziert deshalb, dass weniger ausländische Investoren am Tokioter Aktienmarkt einkaufen. Dagegen setzt Wako von Nomura Securities darauf, dass eine anhaltende Branchenkonsolidierung vor allem in Rohstoffbranchen wie Papier, Stahl oder Öl zu Kurssteigerungen bei Einzeltiteln führt. Die Spreu trenne sich zunehmend vom Weizen.

Doch selbst der Aussicht auf sinkende Kurse können einige Ökonomen etwas abgewinnen. Peter Tasker von der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein etwa hofft, dass die Probleme des Aktienmarktes wieder einmal die Rolle der Opposition spielen und die japanische Regierung zu einer deutlicheren Wachstumspolitik bringen: "2003 wird wahrscheinlich das Jahr der Kehrtwende."

Das Tierkreiszeichen des neuen Jahres ist nicht das schlechteste: Das Schaf bringt Gutmütigkeit und Kreativität, allerdings auch eine gewisse Launenhaftigkeit.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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