Die Börse lebt nicht nur von Hoffnungen
Der Gewinn zählt

Die Unternehmensgewinne steigen wieder, davon sind die Experten überzeugt. Das Niveau des Jahres 2000 werden sie aber so schnell nicht wieder erreichen. Manche Analystenschätzungen sind schon wieder zu optimistisch.

Der Bulle braucht Futter: Die Börse lebt zwar weitgehend von Hoffnungen, von Stimmungen, von "Storys", von Phantasie, vom Zustrom der Anlegergelder - aber irgendwann müssen auch tatsächliche Gewinne fließen. Es gibt viele Schätzungen, wie sich die Profite im Jahr 2002 entwickeln werden. Diese bilden die Basis für die meisten Berechnungen der Kurs-Gewinn-Verhältnisse. Analysten diskutieren auch schon die Entwicklung 2003, so etwa die Hypo-Vereinsbank in einer umfangreichen Studie über europäische Standardtitel. Vereinzelt gibt es sogar schon Schätzungen, die auf das Jahr 2004 vorgreifen.

Aktienstratege Werner Bieri vom Bankhaus Julius Bär in Zürich äußert vorsichtigen Optimismus. Den größten Teil der Einbrüche haben wir nach seiner Meinung im Jahr 2001 schon hinter uns gebracht. Im kommenden Jahr erwartet er, ausgehend von der tiefen Basis 2001, bei den europäischen Standardtiteln einen Anstieg der Unternehmensgewinne von fünf bis zehn Prozent und 2003 "im besseren Fall" ein Wachstum von zehn bis 15 Prozent. Sehr hohe Wachstumsraten wie in den 90er-Jahren seien vorerst nicht abzusehen.

Schätzungen basieren auf Konjunkturerholung

Grundlage dieser Schätzung ist die Annahme, dass sich die Konjunktur spätestens im zweiten Halbjahr erholt. Beim Blick auf die einzelnen Branchen sieht er zyklische (von der Konjunktur abhängige) Konsumwerte auf der positiven Seite, aber auch Finanzwerte, die von einer Belebung des Börsengeschäfts profitieren. Vorsicht empfiehlt er bei Versorgern und Pharmaaktien - sie seien recht teuer. Energietitel stuft er neutral ein. "Da kann man würfeln, das hängt vom Ölpreis ab", sagt er - seine Einstufung basiert auf einem Preis von rund 20 Dollar pro Barrel, was geringfügig über der aktuellen Notierung liegt.

Eckardt Wohlas, Konjunkturchef beim Wirtschaftsforschungsinstitut HWWA in Hamburg, hat die gesamten deutschen Unternehmen im Blick, nicht nur die an der Börse notierten. Er geht ebenfalls von einer Belebung im zweiten Halbjahr und einer deutlichen Verbesserung der Gewinne im Jahr 2003 aus. Für das laufende Jahr ist seine Einschätzung zurückhaltender, er erwartet allenfalls einen "minimalen Anstieg" der Gewinne. Schlecht stehen nach seiner Darstellung Export-Unternehmen da, außerdem - allerdings schon länger - die Bauindustrie. Bessere Gewinne erwartet er im Dienstleistungsbereich. Skepsis sei aber angebracht, ob dies auch speziell auf die am Neuen Markt gelisteten Firmen zutrifft. Es sei fraglich, in welcher Höhe die ehemals angegebenen Gewinnaussichten realistisch waren.

Die Hypo-Vereinsbank erwartet in ihrer Studie "Gewinn Perspektiven 2003" im besagten Jahr in Euroland ein wirtschaftliches Wachstum von 2,3 Prozent und für den europäischen Index Euro Stoxx 50 einen durchschnittlichen Anstieg der Unternehmensgewinne von 21 Prozent. Für den deutschen Dax sei sogar ein Plus von 38 Prozent möglich, allerdings ist hier die Basis auch niedriger. Den Euro-Stoxx-50-Index sehen die Experten im Jahr 2002 - aber noch nicht im ersten Halbjahr - bei 4400 Punkten (aktuell: 3700) und den Dax bei 6000 Punkten (aktuell: 5100). Bei den einzelnen Branchen setzen sie auf Autos, Banken, Handel und Technologie, sind eher skeptisch gegenüber den Bereichen Rohstoffe, Energie, Nahrungsmitteln, Gesundheit, Industriegüter und-service. Die Aktientabelle zeigt die Empfehlungsliste - ein in sich ausgewogener Vorschlag. Wer Studien verschiedener Banken vergleicht, stellt allerdings fest, dass von den einzelnen Häusern zurzeit sehr unterschiedliche Werte hoch eingeschätzt werden. Die Commerzbank etwa rät auch zu Zyklikern und Finanztiteln.

Bilanzierung des Goodwill

In den kommenden Jahren wird ein spezieller Effekt die Gewinnschätzungen zum Teil nach oben treiben, in jedem Fall aber noch schwieriger machen als bisher. In den USA wird jetzt eine neue Bilanzierung des Goodwill eingeführt. Danach wird dieser "Firmenwert", der zum Beispiel nach einer Übernahme als Differenz zwischen Kaufpreis und Buchwert des gekauften Unternehmens entsteht, künftig nicht mehr in regelmäßigen Raten abgeschrieben. Statt dessen wird regelmäßig überprüft, ob er noch den wirtschaftlichen Gegebenheiten entspricht. Im Zweifel werden also zunächst höhere Gewinne ausgewiesen, weil nichts abgeschrieben wird, dafür kann es dann zu plötzlichen Einbrüchen kommen, wenn das Unternehmen bei der Überprüfung zu einem entsprechenden Ergebnis kommt. Klar ist auch, dass diese neue Methode, die nach und nach in Europa übernommen werden soll, den Unternehmen größere Spielräume beim Gewinnausweis eröffnet. Die kleine Tabelle zeigt Unternehmen mit hohem Goodwill in den Büchern - da müssen Anleger genau hinschauen.

Fasst man die generellen Aussagen der Experten zusammen, wäre folgendes Szenario möglich: Im Jahr 2002 geht es wieder ein bisschen nach oben, und 2003 erreichen wir, wenn alles gut geht, wieder das Gewinnniveau das Jahres 2000. In ein bis zwei Jahren wäre demnach also der tiefe Einbruch, der dem Internet- und Technologieboom der späten 90er-Jahre folgte, wieder ausgebügelt. Das heißt freilich nicht, dass alle Kurse bis dahin wieder das 2000er-Niveau erreichen. Im Jahr 2000 waren ja nicht nur die (tatsächlichen oder geschätzten) Gewinne hoch, sondern zusätzlich die Kurs-Gewinn-Verhältnisse. Dies war in erster Linie auf die Euphorie der Anleger zurückzuführen, die so schnell nicht wieder kommen wird.

Zurzeit gibt es eine gewisse Differenz zwischen der allgemeinen und der konkreten Schätzung der Gewinnsituation für einzelne Unternehmen. Wer die Grafik anschaut, stellt fest, dass die durchschnittlichen Gewinnschätzungen der Analysten für die einzelnen deutschen und für die Euroland-Standardwerte bis 2003 einen deutlichen Anstieg über das Niveau von 2000 beinhalten. Möglicherweise steckt in diesen Schätzungen, die die Basis für die Bewertung der Aktien liefern, also tendenziell schon wieder zu viel Optimismus.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%