Die Börsen-Akteure sollten den Prozess der „kreativen Zerstörung“ nutzen
Die Zähmung der Börsenbären gelingt mit modernem Risikomanagement

Baisse-Märkte stehen nicht unbedingt auf der Wunschliste der meisten Anleger. Obwohl sich wohl niemand Märkte mit fallenden Kursen wünscht und die Baisse meist unerwartet hereinbricht, können sie mitunter positive Veränderungen einleiten.

Die Prozesse "kreativer Zerstörung" wurden seit der Zeit Schumpeters hinreichend dokumentiert. Daher gibt es Grund zur Annahme, dass sich durch die derzeitige Marktschwäche eine eigene Dynamik der kreativen Zerstörung im institutionellen Asset Management entwickeln wird.

Solange der stürmische Markt besteht, bleibt Raum für Veränderungen. Die Jahre zweistelliger Wachstumsraten haben die Erwartungshaltung "garantierter Gewinne" aufgebaut - - unabhängig von der tatsächlichen Wertschöpfung in einem Investmentprozess. Die Kosten eines Unternehmens standen in keinem Verhältnis zu den Fundamentaldaten. Die überdurchschnittlichen Erwartungen der Investoren überstiegen jedes Maß der Rationalität. Im Bereich M&A entwickelte sich eine "Big-is-Best"-Kultur. Die aktuellen Tiefstände an den Börsen sind die Quittung für derartige Verhaltensweisen.

Diese Schwierigkeiten sind zu meistern. Nicht die Konzentration auf Renditen, sondern ein effizientes Risikomanagement ist Kern einer erfolgreichen und nachhaltigen Vermögensverwaltung. Renditen sind nur Gradmesser für Portfolio-Risiken. Durch ein Management dieser Risiken können Finanzspezialisten den Börsenbären zähmen.

Risikomanagement versteht sich sowohl als Kunst wie auch als Wissenschaft. Dass Risiken eine direkte Wirkung auf die Wertentwicklung haben, ist bekannt. Dennoch werden sie von Asset Managern zu wenig beachtet. Viele verlassen sich allzu schnell auf simple Risiko-Szenarien, die leider nur wenig den wirklichen Bedingungen entsprechen. Als Beispiel dienen Depots von Lebensversicherern, die typischerweise einen langfristigen Investmenthorizont aufweisen. Nach einer Asset-Liability-Analyse akzeptiert man ein gewisses Risiko, indem man teilweise auf dem Aktienmarkt neu investiert, um damit höhere Renditen zu erzielen. Man bedient sich vertrauter Risikomanagement-Werkzeuge wie beispielsweise des Value-at-Risk-Konzepts, um die Allokation über einen Zeitraum von 10 oder 20 Jahren zu begründen.

Allerdings sind Depots auch unvorhersehbaren Risikoquellen in Form von Solvenzraten ausgesetzt. Aufgrund kurzfristiger Marktturbulenzen könnte man gezwungen sein, das Portfolio unerwartet zu restrukturieren. Genau dies wurde zuletzt in der europäischen Versicherungsbranche beobachtet. Hedge Funds und Pensionsfonds sind ähnlichen Risiken ausgesetzt.

Selbst bestplatzierte, langfristige Investitionsprogramme können und werden durch extreme kurzfristige Bewegungen beeinflusst. Allzu oft reagieren Investoren, die sich langfristige Anlageziele gesteckt haben, unsicher auf unerwartete Extremsituationen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass das eintretende Verlustrisiko über einen bestimmten Zeitraum immer eine Einheit größer ist als der gleiche Verlust am Ende dieser Periode. Die Wahrscheinlichkeit eines zwischenzeitlichen Verlustes ist Beispiel für ein vernachlässigtes Risiko.

Gesamtrisiko im Auge behalten

Aktive Vermögensverwalter müssen stets das Gesamtrisiko im Auge behalten und sollten gleichermaßen bestrebt sein, das Geschäftsrisiko auf pragmatische Weise dadurch zu begrenzen, dass sie die Möglichkeit einer negativen Entwicklung im Vergleich zu ihren Wettbewerbern verringern. Es existieren Techniken, die ein Risikomanagement bezogen auf absolute und relative Risiken integrieren, um dem schlimmsten Fall vorzubeugen, als einziger falsch zu liegen.

Einer erfolgreichen Anwendung der Kunst des Risikomanagements liegt eine solide wissenschaftliche Erkenntnis zu Grunde. Eine Risikoschätzung erfolgt häufig auf Basis großer Datenmengen, die den Eindruck erwecken, die Realität genau abzubilden. Dabei wird jedoch selten berücksichtigt, dass diese Daten auf eine vereinfachte Weise zu diesem Zweck genutzt werden und unterschiedliche Fehlerquellen beinhalten. Eine seriöse Analyse kann nur auf Grundlage von Daten erfolgen, in der verschiedene Risikoperioden explizit berücksichtigt und entsprechend in Schätzungen integriert werden. Die Finanzbranche hat dies erkannt.

Risikoschätzungen basieren auf der Annahme des "normalen" Marktes. Dies ist ein unschuldiges Wort in der Finanzwelt, hinter dem jedoch eine erstaunlich einfache Wahrheit steckt: Märkte sind normalerweise nicht normal. Warum sollte man diese Tatsache nicht akzeptieren und den Prozess des Risikomanagements entsprechend ändern? Die Werkzeuge des Risikomanagements bringen neue Möglichkeiten der Wertschöpfung. Verantwortungsvolles Risikomanagement umfasst all diese Facetten, um ein kontinuierliches Asset-Management zu gewährleisten. Der Bärenmarkt bietet die Gelegenheit, in neue Dimensionen vorzudringen und die aktuell sehr schwierige Situation langfristig zu bewältigen.

Edouard Stirling ist General Manager von State Street Global Markets Europe Ltd. in Frankfurt am Main.

Quelle: Handelsblatt

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