Die Börsen sprechen von der letzten Chance für die Regierung Ecevit
Polit-Chaos zwingt Türkei-Aktien in die Knie

Die Türkei wird in ihrem Bestreben nach mehr Stabilität immer wieder zurückgeworfen. So auch in diesen Tagen. Das aktuelle innenpolitische Chaos und die Finanzkrise um Ihlas Finans führten zu einem Kurseinbruch bei Aktien und Bonds. Der Aktienindex in Istanbul liegt um rund 57 % unter seinem Hoch.

ISTANBUL. Ängste um die politische Stabilität der Türkei haben an der Aktienbörse in Istanbul zu einem 14,6 %igen Rückgang geführt. Am Euro-Anleihenmarkt brach der Kurs des 10jährigen Türkei-Dollar-Globalbonds kräftig ein; die Rendite stieg auf 14,93 %. Am Inlandsmarkt kletterte die Rendite sechsmonatiger Lira-Staatstitel zeitweise bis auf 110 %. Bei einem erneuten Streit zwischen Premier Bülent Ecevit und Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer war es zu einer Eskalation gekommen. Damit erhielt der Finanzplatz Türkei innerhalb weniger Tage einen zweiten Dämpfer. Zuvor hatte die Schließung der islamischen Bank Ihlas Finans Ängste vor einer Verschärfung der Bankenkrise und einem Flächenbrand ausgelöst.

Zögerliche Umsetzung von IWF-Reformen Das Aus für Ihlas Finans ist ein weiteres Indiz für die lasche Haltung der Regierung bei der Durchsetzung von Reformen. Seit langem wird Ankara vorgeworfen, die gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) erarbeiteten Reformen nicht mit dem nötigen Nachdruck umzusetzen. Auf klare Ansätze zur Lösung der schwelenden Bankenkrise warten die Märkte bis heute. Beim IWF selbst erhält die Türkei recht gute Noten. IWF-Chef Horst Köhler nannte die Wirtschaftsreformen und die Geldpolitik als "ermutigend". Der stellvertretende IWF-Direktor Stanley Fischer traf am späten Montag mit Ecevit zu Beratungen zusammen.

Für die Anleger an der Börse Istanbul sind Krisenmeldungen indes nichts neues. Höhenflüge der Aktienkurse fanden durch wirtschaftliche und politische Krisen immer wieder ein abruptes Ende. So auch im November vergangenen Jahres, als die auf Erholungskurs befindliche Börse durch die Liquiditätskrise im Bankensektor in die Knie gezwungen wurde. Eine ähnliche Achterbahnfahrt gab es auch als Folge des jüngsten Krisen-Szenarios.

"Die Türkei steht vor einem weiteren schwierigen Jahr." Elif Bilgi, Chefin des führenden Wertpapierhauses Iktisat Yatirim, scheut sich nicht, die Dinge offen beim Namen zu nennen. Die schwierige Übergangsphase werde noch zahlreiche Opfer fordern. Für die 33jährige Finanz-Expertin, die im Investment- Banking an der Wall Street Sporen verdiente, glaubt allerdings mittelfristig an eine Wende: "Die Krise war ein Weckruf."

Die türkische Volkswirtschaft leide seit Jahren unter Kapitalmangel. Dazu komme, dass Banken die Kreditvergabe derzeit sehr restriktiv handhaben. So ruhen die Hoffnungen in der Türkei auf dem IWF. Dieser hatte zur Durchsetzung des Anti-Inflationsprogramms großzügige Kredite gewährt. Ziel des Programms ist es, die Inflation von derzeit rund 35 % bis Ende 2002 in den einstelligen Bereich zu bringen.

Kein Investoreninteresse an Türk Telecom "Dies ist die letzte Chance für die Regierung", erklärt Elif Bilgin im Gespräch mit dem Handelsblatt. Da politische Maßnahmen mit den IWF - Programmen konform gehen müssen, sind der Regierung Ecevit im Hinblick auf von der Wirtschaft geforderte Maßnahmen zur Konjunkturankurbelung die Hände gebunden. Bewähren muss sich die Regierung auch in der Privatisierungsfrage. Das Interesse ausländischer Investoren am 33,5%igen Staatsanteil der Türk Telecom ist gleich Null. Im Jahr 1998 wurde der Wert des Telefonriesen auf 10 Mrd. $ geschätzt. Inzwischen hat sich die Lage im Telekomsektor verschlechtert, so dass die Preisvorstellungen reduziert wurden. Sollte sich für Türk Telecom kein Käufer finden, sei das kein Desaster, versuchen Politiker zu beruhigen. Da jedoch sowohl die Etatplanungen als auch die IWF-Programme auf der Annahme eines Verkaufs von Türk Telecom und anderer Staatsbeteiligungen basieren, kehrte an den Märkten Unruhe ein.

In diesem Chaos scheint die Position von Zentralbankchef Gazi Ercel stärker als jemals zuvor. Dieser war während der Liquiditätskrise im November zwar vorübergehend von der Politik des knappen Geldes abgewichen. Inzwischen hat er aber auf diesen Kurs zurückgefunden.

Obwohl die Türkei jetzt auf dem richtigen Wege sei, will Bilgi Anlegern nicht zu größeren Engagements in Türkei-Aktien raten. Der Lärm auf makroökonomischer Ebene mache es schwierig, mögliche Börsengewinner zu selektieren. Sie kenne kein türkisches Unternehmen, das auf dem Weltmarkt eine führende Stellung einnehme. "Auch in dieser Hinsicht waren die 90er Jahre für die Türkei eine verlorene Zeit", sagt die geschäftsführende Direktorin von Iktisat Yatirim. Die Empfehlungsliste des Wertpapierhauses umfasst die Aktien von Yapi Kredi, Garanti, Turkcell, Dogan, Hurriyet, Migros und Petrol Ofisi. "Interessierte ausländische Anleger finden bei Realzinsen von über 60 % vor allem am Bondmarkt exzellente Anlagemöglichkeiten", lautet die konkrete Empfehlung Bilgis.

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