Die Börsen steigen trotz schlechter Rahmenbedingungen
Die Rally nährt den Aufschwung

Eine Börsenweisheit bewahrheitet sich: Die Kurse steigen, wenn es die Wenigsten erwarten. Die Strategen sind sich darin einig, dass die Fundamentaldaten den derzeitigen Aufschwung nicht rechtfertigen. Vielmehr sorge die Angst, Gewinne zu verpassen, für die Rally. Doch eine Korrektur ist nach Ansicht der Analysten überfällig.

HB DÜSSELDORF. Monatelang dachten Analysten, dass die Märkte in ihrer Talfahrt übertreiben. Schließlich waren die Konjunkturdaten nicht so schlecht, wie es die Börse widerspiegelte. Doch ausgerechnet seitdem die Rezessionssorgen an Berechtigung gewinnen und die politische Lage unsicherer denn je ist, legen die Märkte eine eindrucksvolle Rally hin. Seit den Terrorattentaten in den USA stieg der Deutsche Aktienindex (Dax) um mehr als 1 000 Punkte. Auf welche großen Indizes in Europa und den USA man auch blickt: Die Börsen erholen sich rasant und V-förmig von ihren Tiefs im September. "Fundamental gibt es dafür keine Begründung", fasst Kai Franke von der BHF-Bank die Meinung vieler Analysten und Händler zusammen.

Die Ausgangslage für steigende Kurse hat sich seit dem 21. September, als fast alle Indizes mehrjährige Tiefststände erreichten, nicht verbessert. Die Unternehmen berichten über einbrechende Gewinne oder gar steigende Verluste. Hoffnungen für das vierte Quartal gibt es kaum. Inzwischen hat rund die Hälfte der im marktbreiten amerikanischen S & P-500-Index notierten Unternehmen die Zahlen für das dritte Quartal präsentiert. "Immerhin gibt es kaum negative Überraschungen", verweist Franke auf zumindest einen Grund für steigende Kurse. Denn nach den Terrorangriffen hatten viele Investoren befürchtet, dass die Firmen nicht einmal die vorab mehrfach gestutzten Prognosen einhalten können.

Doch das Ausbleiben großer Hiobsbotschaften der Firmen machen Analysten nicht für die jüngste Börsenrally verantwortlich. Ausschlaggebend seien vielmehr die "enttäuschten" Erwartungen vieler Investoren. "Jeder träumt davon, dass die Kurse wieder runter gehen. Doch mit jedem Tag, an dem die Korrektur nicht kommt, werden die Investoren ungeduldiger. Schließlich schieben die Anleger Geld in den Markt, um den Aufschwung nicht zu verpassen", erklärt Franke das Phänomen "Rally nährt Rally". "Dieser fundamental nicht gedeckte Aufschwung kann dem Dax weitere 200 oder 300 Punkte bringen", meint Franke. Mittelfristig rechnet er aber, wie viele seiner Kollegen, mit einer Korrektur.

Die fundamental orientierten Analysten argumentieren in Einklang mit den Charttechnikern. Auch sie erwarten eine Korrektur. Der Markt ist stark "überkauft". Zudem steht nach dem "Lehrbuch" der Techniker die Erholung nach dem Tief vom September nur dann auf soliden Füßen, wenn sich ein doppelter Boden ausbildet - die alten Tiefststände müssen also getestet werden. V-förmige Erholungen, die ohne Rückschläge in eine Hausse mündeten, gab es dagegen in der langen Börsengeschichte fast nie.

"Man muss einfach dabei sein"

Doch gerade weil momentan jeder mit dem längst fälligen Rückschlag rechnet - und deshalb Positionen zurückhält -, kommt es bislang nicht zu dem Einbruch. Denn die vielen Pessimisten, die abseits der Börse stehen, lösen die erwarteten Kursrückgänge nicht aus. Im Gegenteil: Aus Angst, die Rally zu verpassen, steigen sie ein. "Man kann die Entwicklung nicht ignorieren und muss einfach dabei sein", meinte gestern Jason Forde, Fondsmanager bei Maintrust.

Vor allem Fonds sind es nach Aussage von Händlern, die die Rally speisen. Die Strategen seien vom tiefen Abschwung ebenso wie der Kleinanleger überrascht worden. Nun wollen sie nicht noch einmal überrascht werden, indem sie den Aufschwung verpassen. Hinzu kommt, dass die meisten Fonds aus Sorge vor der politischen und konjunkturellen Entwicklung Bargeldquoten von 10 % und mehr halten. "Die Cashpositionen liegen deutlich über dem historischen Durchschnitt. Dieses Geld will unter der Voraussetzung, dass die vielen Zinssenkungen im Laufe des nächsten Jahres greifen, angelegt werden. Schließlich antizipiert die Börse eine Erholung der Wirtschaft sechs Monate früher", meint Bernd Janssen von UBS Warburg. Das Investmenthaus hat errechnet, dass der europäische Markt für 2002 einen Rückgang der Unternehmensgewinne von durchschnittlich 27 % eingepreist hat. "Die Börsen reflektieren damit zu viel Pessimismus, denn so schlimm kommt es nicht. Auch wenn die Analysten, die ein knappes zweistelliges Wachstum erwarten, viel zu optimistisch sind", meint Janssen.

Doch es gibt auch handfeste Gründe, die den jüngsten Börsenaufschwung nähren: Viele Marktteilnehmer hoffen auf weitere Zinssenkungen. Diese würden vor allem den hoch verschuldeteten Telekom-Unternehmen helfen. Für die Europäische Zentralbank (EZB), die heute tagt, liefert die gestern bekannt gewordene vorläufige Teuerungsrate aus Deutschland nach Ansicht vieler Marktteilnehmer eine "Steilvorlage" für niedrigere Zinsen. Denn die Inflation, die die EZB bislang als Argument gegen Zinssenkungen anführt, geht nach den Daten und den Prognosen der Volkswirte weiter zurück.

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