Die Börsenkolumne aus New York
Alarmstufe Gelb: Unsinniges Farbenspiel

Die Börsen-Ampel funktioniert wieder. Am Mittwoch war der Handel tief rot, am Donnerstagmorgen schaltet die Regierung auf gelb - und die Kurse gehen wieder auf grün. Die Wall Street macht in Farbenleere, und dass das Ganze überhaupt keinen Sinn macht belastet die Gemüter zunächst nicht.

NEW YORK. Rückblick: Als die Regierung vor zwei Wochen die Terror-Alarmstufe für die USA von "Gelb" auf "Orange" hoch setzte, kostete dies den Dow mehr als hundert Punkte. Den Anleger kostete es Nerven, und den Verbraucher ein paar Dollar für Plastikfolie, Klebeband und Gasmasken. Amerika schien erkannt zu haben, dass nicht ohne, sondern durch einen Irakkrieg die Gefahr von Terroranschlägen im eigenen Land zunimmt, dass Vergeltungsaktionen nicht auszuschließen sind.

Dann passierte zwei Wochen lang nichts - außer einem Feuer in einem New Yorker Öllager, das von der Bevölkerung sofort als Unfall erkannt, von den Medien aber panisch in Richtung 11. September stilisiert wurde -, und nun senkt die Regierung die Alarmstufe wieder. Das Terrormeter steht nur noch auf "Gelb". Der auffällige Farbencode steht für "Erhöhtes Risiko", zuvor hatte man "Hohes Risiko" gesehen.

Was soll das? Was ist der Unterschied zwischen "Erhöhtes Risiko" und "Hohes Risiko"? Werden von hunderttausend Amerikanern auf dem Weg ins Wochenende nur acht statt bisher 14 möglicherweise durch Autobomben zerfetzt? Oder liegt meine Chance, ein Anthrax-Briefchen geschickt zu bekommen, heute bei 9 % gegenüber gestern 21 %. Wer rechnet das aus? Und warum zweifelt keiner an den Zahlen und Farben und Warnungen?

Die Farbenlehre im Justizministerium hätte - wäre sie folgenlos geblieben - etwa den gleichen Stellenwert wie die Meldung der Regen-Wahrscheinlichkeit in der Wettervorhersage oder die willkürlichen Auf- und Abstufungen der Analysten. Hier meldet einer, dass es am Freitag "mit einer Wahrscheinlichkeit von 55 % regnet", dort setzt einer Cisco von "Kaufen" auf "Outperform", um sich dann eine Woche später für ein "Zukaufen" zu entscheiden. Kluge Menschen ignorieren solche Meldungen.

Bei den Gelb-Orange-Spielchen aus Washington war das nicht so leicht. Denn auch kluge Menschen lassen sich verunsichern, wenn es um Terror und damit ihr Leben geht. Und so schien es ja eine Zeit lang. Washington hatte Panik gestreut statt Information, und nun macht man diesen Schritt wieder rückgängig. Das hat allerdings nichts damit zu tun, dass die Bedrohung Amerikas in diesen Tagen merklich unter das Niveau der Vorwoche gefallen wäre, sondern mit einer Umstrukturierung in der Hauptstadt.

Bisher war nämlich das Justizministerium für die Farbenschieberei verantwortlich, am Samstag wird die Verantwortung dem jüngst eingerichteten Ministerium für Innere Sicherheit übertragen. "Das Justizministerium wollte den Kollegen kein ,hohes Risiko? übergeben", berichtet nun der Terror- und Geheimdienst-Experte Chris Whitcomb. "Und da hat man nun die Alarmstufe wieder auf ,Gelb? gesenkt, so dass die neu verantwortlichen die Situation neu erwägen" und den Index bei Gelegenheit wieder auf "Orange" erhöhen können. Dass dies eine Farce ist und den ohnehin schon verunsicherten Durchschnittamerikaner ebenso wie den Anleger nur noch mehr in Panik versetzt, bemängelt Whitcomb nicht, und wahrscheinlich ist auch in Washington niemand draufgekommen.

So geht die Regierung Bush weiter auf ihrem Weg zwischen Panikmache und Säbelrasseln, und allein dadurch wird ein Irakkrieg immer wahrscheinlicher. Nicht, weil die Situation im Nahen Osten dies verlangen würde, sondern vielmehr, weil man sich immer weiter in die Position Krieg verrennt, und weil man dabei auch noch die heimische Konjunktur schwächt - eben durch die allgemeine Verunsicherung. Und mit einem Blick auf eben jene Konjunktur bleibt George W. Bush allein ein Krieg, falls er jemals wieder gewählt werden will.

So weit denkt die Wall Street am Donnerstag noch nicht. Dass die Terror-Alarmstufe wieder auf "Gelb" steht, bringt dem Markt die hundert Punkte, die man vor zwei Wochen verloren hat. Weitere Verschiebungen werden kommen - willkürlich.

© Wall Street Correspondents, Inc.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%