Die Börsenkolumne aus New York
Amerikas Probleme mit Effizienz und Selbstkritik

Ruhig ist es geworden um die Fed. Im Oktober findet traditionell keine Notenbanksitzung statt, und die Diskussionen um ein außerordentliches Treffen und eine Zinssenkung als notwendige Rettungsmaßnahme für einen sterbenden Markt hat sich durch die jüngste Rallye erübrigt. Doch sind die Währungshüter nicht eingeschlafen.

wsc NEW YORK. Am Mittwochmittag veröffentlicht die Fed ihr "Beige Book", in dem die Präsidenten der lokalen Notenbanken von Philadelphia bis L.A. ihre Gedanken zur Konjunktur zusammenfassen und auf regionale Aspekte eingehen. Diese bieten einen extrem wichtigen Hintergrund für Investoren, da manche Branchen sich sehr leicht lokal festlegen lassen. Eine Aussage des Fed-Chairman aus Los Angeles über den Arbeitsmarkt lässt ganz andere Rückschlüsse auf die High-Tech-Branche zu als ein Statement aus Chicago. Aus dem ließe sich eher eine Entwicklung im Automobilsektor erkennen.

Jedenfalls wartet die Wall Street gespannt auf das "Beige Book". Doch wenige Stunden zuvor hat sich Alan Greenspan wieder einmal zur Konjunktur geäußert, und er referierte über einen interessanten Zusammenhang von Arbeitsmarkt und Produktivität, der manchem Amerikaner entgangen sein könnte.

Der dramatische Abbau von Arbeitsplätzen habe nämlich - bei allen negativen Effekten - auch ein Gutes: In den amerikanischen Firmen wird effektiver gearbeitet denn je. Ein zuletzt leichter Anstieg in der Produktivität und immer noch schwache Zahlen vom Arbeitsmarkt belegen klar, dass der Einzelne mehr schneller leistet. Das sei eine willkommene strukturelle Erscheinung, so Greenspan.

Damit schneidet der Fed-Chef einen ungewöhnlich US-kritischen Gedanken an, den er aber nicht weiter ausbaut. So warnt er, dass sich Produktivitätssteigerungen wie Mitte der Neunzigerjahre, als vor allem der High-Tech-Bereich in den Himmel schoss, nicht direkt ankündigten. Doch erwähnt er nicht explizit, dass die Produktivitätssteigerungen in der Boom-Dekade völlig falsch interpretiert und begleitet worden waren. Dank steigender Umsätze und hoher Gewinne expandierten manche Unternehmen dermaßen, dass man auf die Effizienz der einzelnen Mitarbeiter kein Auge mehr hatte. Eine Blase entstand nicht nur an der Börse, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt.

Plötzlich hatte jeder Arbeit, und jeder freute sich auch, dass der Job gar nicht so hart und am frühen Nachmittag schon zu Ende war. Arbeitgebern entging eine gefährliche Tendenz: Quantität stand vor Qualität. In der Krise mussten nun die gehen, die sich den Job zu einfach gemacht hatten. Das mag eine Verallgemeinerung sein, ist aber im Großen und Ganzen nicht von der Hand zu weisen.

In einer Zeit der Job-Flaute kann sich der Markt neu ordnen. Arbeitnehmer haben bereits begonnen, Bewerbungen besser zu prüfen. Nun kritisieren zwar Arbeitsvermittler wie die private Agentur Challenger, Gray & Christmas, dass es schier unendlich lange dauere, bis Suchende einen neuen Job hätten - doch hat sich der Arbeitnehmer genau dies selbst zuzuschreiben. Denn viele haben ihren Beruf auf die leichte Schulter genommen, manche haben ihn ausgenutzt und die Vertrauenskrise in Corporate America mitgefüttert - denn die speist sich nicht allein aus dem Versagen eines Apparates, sondern in erster Linie aus dem Fehlverhalten einiger Menschen, die Gier in die Verantwortungslosigkeit getrieben hat.

Am Markt findet seit Monaten eine Bereinigung statt. Der Rückgang in der Produktivität ab dem Jahrtausendwechsel, der Einbruch der Börsen und der schwache Arbeitsmarkt gehören dazu - und sie sind schmerzhaft. Doch bieten sie eine Chance, wenngleich Amerikaner aufgrund mangelnder Fähigkeit zur Selbstkritik gerne über die klärenden Fakten hinwegsehen. Auch Alan Greenspan hat das Thema Effizienz am Mittwoch nur angeschnitten, bearbeitet hat er es nicht und auch nicht zur weiteren Diskussion gestellt.

Nun weisen aktuelle Daten einen Trend zur Effizienz wohl aus, doch muss dieser ausgebaut werden. Wenn Greenspan einen ersten Schritt gemacht hat, bleibt zu hoffen, dass seine Worte einmal nicht ungehört verhallen. Die Blase der Neunzigerjahre ist geplatzt und man kann sich nun den Weg zu solidem Wachstum bahnen.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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