Die Börsenkolumne aus New York
Auf der Suche nach richtungsweisenden Daten

Am siebten Kriegstag hat für George W. Bush der Alltag wieder begonnen. Nachdem er einige Tage lang zumindest versucht hatte, mit ernster Miene das Geschehen im Irak zu kommentieren, tritt er jetzt wieder ganz wie vor dem Krieg auf: Verschmitzt grinsend, ein Späßchen auf den Lippen und voller leerer Phrasen. Der Markt ignoriert ihn.

wsc NEW YORK. Auf dem Parkett muss man sich in der Tat entscheiden, was wichtig ist und was nicht. Und wenn der Präsident am Mittwochmorgen auf einem Luftwaffenstützpunkt in Florida Durchhalteparolen kräht, dann ist das nicht wichtig. Wichtig ist auch nicht, was die US-Nachrichtensender aus dem Irak berichten. Sicher, die Masse sieht zu - unglücklicherweise vor allem bei Murdochs Propagandasender Fox -, doch wer Kapital einsetzen will und also auf präzise Informationen über den Kriegsverlauf angewiesen ist, der schaut besser nicht hin.

Doch worauf soll man schauen: Der Krieg verdrängt andere sonst marktwichtige Daten nahezu komplett. In der laufenden Woche meldet kein einziges Unternehmen, aus dessen Performance etwas über das Wohl und Weh von Corporate America erfahren könnte, und auch an der konjunkturellen Front stehen keine richtigen News an.

Letztere sind ohnehin schwer zu bekommen, und kurze volatile Ausschläge belegen immer wieder, dass der sonst so im Krieg verlorene Markt sich auf Zahlen stürzt, die wenig aussagekräftig sind. An der Börse wir die Zukunft gehandelt. Die Zahl der Bestellungen langlebiger Güter, die am Morgen schwächer als erwartet gemeldet wurde, bezieht sich auf Februar, ist also längst Vergangenheit. Dass der Markt kurz eingebrochen ist, war also wieder einmal eine Schreckreaktion und Zeichen einer Hilflosigkeit, die den Markt seit Wochen prägt.

Ähnliche Reaktionen des Marktes sind allerdings zu erwarten, wenn am Donnerstag das BIP für das vierte Quartal des vergangenen Jahres gemeldet wird, und wenn am Freitag die Zahlen zu den persönlichen Einkommen und Ausgaben der Amerikaner auf den Tisch kommen.

Auch ein Blick auf das Verbrauchervertrauen, das am Freitag gemeldet wird, dürfte ähnliche Auswirkungen haben, doch liegt die Problematik einer Bewertung hier anderswo. Stimmungsindikatoren sind zwar wesentlich zeitnaher ausgelegt und geben Anlegern ein besseres Bild darüber, wie sich die Konjunktur ganz aktuell entwickeln könnte. Die Befragungen der Universität Michigan zum wichtigsten Vertrauensindex finden direkt in den Tagen vor der Veröffentlichung statt. Doch schlägt sich das Befinden der Amerikaner meist gar nicht unmittelbar auf den Markt durch, und so ist eine Bewertung der Informationen aus dem Index fast unmöglich.

Ein schwaches Verbrauchervertrauen am Freitag sagt ebenso wenig über das wirkliche Konsumverhalten der Amerikaner aus wie eine Umfrage des Gallup-Institutes am Mittwoch, wonach die Mehrheit der Amerikaner "zuversichtlich" aber auch "traurig" auf das Geschehen im Irak sieht.

Die breite Masse der Anleger macht aus den aktuellen Zahlen das einzig Richtige. Sie zieht sich aus dem Markt zurück. Man wartet ab, wie sie die geopolitische Lage entwickelt, wartet auf zuverlässige Indikatoren von Seiten einiger Unternehmen und schaut, solange von der Seitenlinie dem Treiben auf dem Parkett zu. Das ist oft nicht leicht, vor allem in Zeiten einer historischen Rallye, wie sie die Wall Street in den vergangenen Tagen verzeichnen konnte. Langfristig dürfte es sich jedoch auszahlen, in Ruhe abzuwarten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%