Die Börsenkolumne aus New York
Bären bekämpf man nicht durch wegschauen

Klingeling - ein paar Zahlen gefällig. Die Reihe lautet 1052 - 164 - 110 - 14. Sie passt auf keinen Lottozettel, steht aber für die höchsten Gewinne, die Amerika seit langem gesehen hat.

wsc NEW YORK. Wir rechnen vom Intraday-Tief, das die US-Märkte am frühen Donnerstag vergangener Woche erreicht hatten. 1052 Punkte hat der Dow seither zugelegt, 164 Zähler waren es für die Nasdaq, 110 für den S&P 500 - und unterm Strich ist das ein Plus von 14 % für den breiten Markt. Da möchte man anfangen zu singen vor Glück, nach Monaten fallender Kurse lässt sich wieder Geld machen mit Aktien.

Lässt sich? Pardon: Ließ sich, muss es natürlich heißen. "Man musste ja hier nur an irgendeiner Ecke rumstehen", fasst Arthur Cashin die vergangenen Tage zusammen, "und schon kam ein Expressbus zu neuen Gewinnen." Der Parkettchef der UBS Paine Webber muss selbst schmunzeln, wenn er an die Tage denkt, an denen eine gute Meldung von GE oder IBM den Markt förmlich nach oben zu reißen vermochte. Fast fühlt er sich ein wenig an die gute alte Zeit erinnert.

Doch genau darin liegt das Problem der Rallye. So wie Aktien Ende der Neunziger zu Gipfelstürmern wurden und immer neue Höhen erreichten, so kletterten sie auch heuer eifrig - um danach umso tiefer zu stürzen. Denn so wie vor drei Jahren manches Unternehmen einen völlig unrealistischen Börsenwert hatte, so hat in den letzten Tagen manche Aktie völlig irrational zugelegt. Im High-Tech-Bereich ist das am auffälligsten. Bei den Chipherstellern gehen die Umsätze zurück, bei Microsoft wächst man nur, weil man in 2002 für die Programme und Updates für die nächsten zwei Jahre gleich mitkassiert und damit die Ergebnisse für 2003 und 2004 kannibalisiert hat. Doch keine stört?s. Schön ist es auf der grünen Seite, die Sonne scheint.

Auch außerhalb des Computersektors haben die jüngsten Kursgewinne mit der Nachrichtenlage nicht viel zu tun. Wenn der Biotech-Konzern Biogen 7 % zulegt, weil man die Gewinnerwartungen der Analysten übertroffen hat, dann liegt das nur daran, dass man nicht sehen will, wie sich die Umsätze in den vergangenen 12 Monaten entwickelt haben. Sie sind um die Hälfte eingebrochen.

So verfolgt die Wall Street eine völlig falsche Taktik. Bären tötet man nicht, indem man sie einfach leugnet, nicht mehr an sie glaubt. Die Käufer an den US-Börsen erinnern ein wenig an ein Kind, dass sich einen Eimer auf den Kopf stülpt mit den Worten: "Ich seh? Dich nicht, dann siehst Du mich auch nicht."

Die Bären sind da, und sie werden sich nicht zurückziehen, nur weil man keine Lust mehr auf sie hat. Sie werden wohl in der nächsten Woche wieder das Zepter übernehmen, wenn mehr große Industriekonzerne melden und weniger High-Tech-Riesen. Denn auf deren Zahlen reagiert der Markt für gewöhnlich zu emotional, nach dem Wochenende dürfte man mit mehr Bedacht zur Sache gehen.

Wem aber Quartalszahlen und Konjunkturdaten zu abstrakt sind, der soll sich einen Zettel an die Wand kleben mit der Zahlenreihe 2382 - 678 - 271 - 25. Die stimmt nicht ganz so fröhlich wie die Kombination oben, und sie liest sich wie folgt: 2382 Punkte hat der Dow vom höchsten Stand dieses Jahres verloren, 678 Zähler fehlen der Nasdaq und 271 dem S&P 500, das entspricht einem Minus seit Januar von etwa 25 % für den breiten Markt.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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