Die Börsenkolumne aus New York
Balance-Akt zwischen Ruhe und Rallye-Fieber

Anlegern ist die jüngste Rallye ganz offensichtlich zu Kopf gestiegen - sie setzen am Montag noch eins drauf. Dabei hatte man schon am Freitag mit Kurseinbrüchen gerechnet, da Investoren in labilen Zeiten für gewöhnlich nicht gerne mit hohen Positionen ins Wochenende gehen. Das taten sie aber, und am Montag klettern die Kurse nach anfänglicher Schwäche wieder.

wsc NEW YORK. Jetzt stellt sich erneut die Frage nach der Stabilität der jüngsten Gewinne. Der Aktien-Run der letzten Tage wird als eine der stärksten Rallyes in die Geschichte der Wall Street eingehen, und man fragt mit Recht: Kann man jetzt noch einsteigen? Ist noch Potential im Markt, um auch den Langschläfern unter den Bullen ein schönes Plus zu bescheren? Oder kommen die genau so unter die Räder wie all die anderen Male, wenn sich die Börse für ein paar Tage ins Grüne flüchtete, um danach erneut einzubrechen.

Sicher ist, dass sich die aktuelle Rallye ganz anders anfühlt als frühere Hochs. Zum einen hält sie länger an, zum anderen ist sie breiter. Es sind nicht einige High-Techs, die einen Höhenflug haben, es sind nicht einige Telekomwerte, die plötzlich die Gunst der Anleger erobert haben. Nein, es sind Aktien aus allen Branchen - bis hin zu den Konsumwerten. Dass Papiere von Philip Morris, McDonalds und Coca-Cola mit zu den großen Gewinnern gehören, macht eines ganz deutlich: An der Wall Street wird nicht Geld von einem Sektor in den nächsten verschoben, hier wird neu investiert.

Jon Najarian sieht noch einen weiteren Unterschied zwischen der aktuellen und früheren Kletterpartien. "Zuletzt hatten Aktien keine Rallye gezeigt, sie haben sich lediglich von technisch überverkauften Levels erholt", meint der Marktexperte von PTI Securities in Chicago. "Hinter der aktuellen Rallye stehen fundamentale Gründe, zum Beispiel starke Umsatz- und Ertragszahlen."

Diese Meinung ist indes nicht unumstritten. Einige Beobachter sind gar nicht so zufrieden mit der Ertragssaison. Zwar hat die Mehrzahl der Unternehmen im S&P 500 die Erwartungen der Analysten bislang geschlagen, doch waren diese im Vorfeld schon sehr niedrig angesetzt gewesen. Und die wenigen wirklichen Überraschungen scheinen auch nicht mehr so hell wie bei der ersten oberflächlichen Betrachtung.

Erst am Wochenende hat Microsoft-CEO Steve Ballmer einen großen Teil der Euphorie abgeschöpft, die Investoren am Freitag in die Aktie des Software-Giganten gedrückt hatten. Die waren von den starken Ergebnissen und von einem satten Umsatzwachstum bei Microsoft angetan, doch der Chef meint: "Ich glaube selbst nicht, dass dieses Plus typisch ist und wir weiter solche Raten verzeichnen können. Im Gegenteil: Das Ganze ist eher unnormal." Warum, liegt auf der Hand: Im Rahmen eines neuen Finanzierungsmodells verkauft Microsoft Unternehmenskunden nicht mehr einzelne Programme, sondern Abonnements auf 3 Jahre. Das hilft in der aktuellen Bilanz, kannibalisiert aber die Ergebnisse der nächsten Jahre. "Wir haben es weiterhin mit einem schwachen Umfeld zu tun", sagt Ballmer - und schon geht es wieder runter mit der Aktie. Microsoft ist einer der wenigen Verlierer im Dow.

Nun heiße es wieder abwägen. Leicht ist es nicht, nach den herben Verlusten der vergangenen Jahre zuzuschauen, wie die Bullen auf dem Parkett eine historische Schlacht kämpfen und die Märkte zu immer neuen Hochständen treiben. Verführerisch ist der Duft der Duft der Gewinne. Doch trennt sich gerade in dieser Charakterstärke die Spreu vom Weizen - auch an der Wall Street. Werden die Letzten die Ersten sein? Oder sehen wir, woran zunächst nur die unverbesserlichen Optimisten glauben: die Kehrtwende der US-Börsen. Dann dürfte man sagen: Den Letzten beißen die Hunde.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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