Die Börsenkolumne aus New York
Bin Laden, die Börse und blinde Experten

Es ist einer dieser Tage an der Wall Street, an der nicht, aber auch gar nichts los ist. Es macht Mühe, Nachrichten zu finden, die wirklich den Markt beeinflussen, und die Analysten kauen größtenteils auch nur wider, was seit Tagen auf dem Parkett diskutiert wird. Doch das war absehbar - beim ersten Blick auf die Futures.

Die Futures hatten am frühen Mittwochmorgen einen spannenden Handelsverlauf. Nach einem schwachen Start ging es steil rauf, und dann wieder steil runter - und das ganze basierte auf einem Gerücht. Der Geheimdienst hat zugeschlagen, man hat Osama Bin Laden gefasst, zitierte Bloomberg von der BBC, die sich wiederum auf das Laufband eines iranischen Senders berief... am Schluss war gar nichts dran und die Börse verabschiedete sich wieder in den roten Bereich.

Eine Frage bleibt: Was hätte eine Festnahme des Staatsfeinds Nummer Eins mit den Kursen an der Wall Street zu tun? Verschiedene Experten haben schon vor einem Jahr davon gesprochen, dass die Märkte in eine Rallye starten und der Dow gut 1000 Punkte gewinnen könnte, wenn Osama bin Laden geschnappt würde. Irgendwann ließ man das Thema fallen, denn der Terrorfürst war verschwunden, der Geheimdienst tappte im Dunkeln. Jetzt kommt der bin Laden-Furor wieder auf, wieder spricht man von einer Rallye, ungeachtet der Tatsache, dass eine solche völlig unbegründet wäre.

Sicher, es wäre schön und gerecht und es würde den berechtigten Wunsch vieler Amerikaner nach Vergeltung für die furchtbaren Terroranschläge entgegen kommen. Man könnte bin Laden vor ein Gericht stellen, er müsste für seine Untaten bezahlen - höchstwahrscheinlich mit seinem Leben. Doch was hilft das Amerika und der Börse?

Zum einen wäre mit Bin Laden nicht der internationale Terror ausgeschaltet. Amerika hat mehr Feinde in der Welt als allein die Al-Qaida, und es scheint zur Zeit ärger als je zuvor, als baue man sich gezielt neue Feindschaften auf. Die Bush-Regierung trat zunächst aus internationalen Abkommen aus, verletzte dann die eingeführten Abrüstungsabkommen, mittlerweile zerstört man Bündnisse und Allianzen und hat Provokation und Polemik gegen einstige und Noch-Partner zur Politik erhoben.

Diese internationalen Streitigkeiten und Konflikte, an denen man zur Zeit noch baut, dürften die Börse noch lange belasten, doch auch im eigenen Land tun sich nach wie vor Untiefen auf, aus denen sich der Dow wohl nicht gleich dem Phoenix erheben wird. Eine Konjunktur am Boden, hohe Arbeitslosigkeit, schwache Gewinne der Unternehmen, die Investitionen auf einem Multi-Jahres-Tief, anhaltende Bilanzstreitigkeiten, eine Kultur der Gier und daraus resultierend ein Markt des Misstrauens - das sind die Probleme, unter denen die Börse leidet.

Abgesehen von der Irakkrise an sich. Der bevorstehende Krieg drückt zumindest momentan schwerer auf die Wall Street als alle anderen Faktoren, und entgegen der Aussagen vieler Politiker und Schwätzer aus dem Bush-Umfeld sind Irak und bin Laden nicht dasselbe. Eine Festnahme von bin Laden würde die Welt nicht nachhaltig sicherer und die amerikanische Politik international nicht weniger umstritten machen.

Wenn der Markt im Falle einer Festnahme um ein paar Punkte klettert, dann ist das in Folge einer allgemeinen Euphorie zu verstehen. Auf eine fundamentale Rallye zu hoffen entbehrt jeder Grundlage, und an der Wall Street wird man das auch merken - spätestens wenn nach einer steilen Rallye die nächsten Kursstürze kommen, die den Markt weit unter die bisherigen Tiefstände drücken dürften.

Aber so weit ist man nicht an der Wall Street. Bin Laden irrt weiter durch die Wüste, der Geheimdienst bemüht sich wohl weiter auf seinen Fersen, und die Aktien fallen. Am Mittwoch den dritten Tag in Folge. Und ohne dass eine Trendwende in Sicht wäre.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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