Die Börsenkolumne aus New York
Bodenbildung? – Der Historiker fordert Geduld

Alles läuft nach Plan an der Wall Street. Nach der stärksten Viertages-Rallye seit 1933 notieren die US-Aktien am Dienstag ein wenig schwächer. Auf einen Run von 16 % für den breiten Markt muss Konsolidierung auf hohen Niveau folgen.

Viele Experten haben das vorhergesagt, sie fühlen sich bestätigt und - tun sich dennoch schwer, den Tiefstand vom Mittwoch einen "Boden" zu nennen.

Ist es Aberglaube oder das Wissen um weitere Schwäche im Markt? - Beides. Zum einen will natürlich kein Analyst mit einer verfrüht optimistischen Prognose vorpreschen, denn zu oft hatten Experten zuletzt von einer Bodenbildung gesprochen und falsch gelegen.

Darüber hinaus gibt es jedoch auch einiges, was de facto gegen eine fundamentale Bodenbildung spricht. Zunächst sind das drei Buchstaben, die man im Überschwang der Gefühle eine Zeit lang kaum mehr beachtet hatte: KGV. Amerikanische Aktien sind immer noch teuer, das ist unumstritten - und zwar sowohl im internationalen als auch im historischen Vergleich.

Doch während die Zahlen aus Europa und Japan oft bemüht wurden und bei vielen amerikanischen Investoren auch an einer Wand des konjunkturellen Selbstvertrauens abprallen, macht ein Blick zurück vor allem eines deutlich: Da ist kein Boden weit und breit.

Die Aktien im marktbreiten S&P 500 handeln zur Zeit mit KGV zwischen 25 und 40, und selbst das untere Ende der Spanne kommt den historischen Werten nicht einmal nahe. In den vergangenen 60 Jahren lag das höchste durchschnittliche KGV bei Bodenbildungen bei 12,5. Das war im Juni 1962. Der Börsentechniker Paul F. Desmond von der Forschungsgruppe Lowry?s Reports hat diesen Wert nachgerechnet und folgert klar: "Wir haben die Tiefstände noch nicht erreicht, weil die Aktien nach wie vor stark überbewertet sind."

Desmond, dessen Untersuchungen über den Bärenmarkt in diesem Jahr mit dem prestigeträchtigen Dow Award ausgezeichnet wurde, hat noch tiefere Werte parat: Die Bodenbildungen im Oktober 1974 und im August 1982 kamen mit einem durchschnittlichen KGV von sieben für die Aktien im S&P 500. "Während der letzten Jahre haben sich viele Investoren daran gewöhnt, dass immer als ganz schnell geht. Jetzt müssen sie wieder umdenken und erkennen: Geduld ist gefragt - und eine Menge Cash."

In die gleiche Kerbe schlägt Robert Shiller, Wirtschaftsprofessor an der Yale University. Obwohl er optimistischer ist als die Zahlen von Desmond nahe legen würden, sagt er: "Einige Aktien haben jetzt gute Einstiegskurse erreicht, doch der breite Markt noch großes Potential nach unten. Zur Zeit ist überhaupt kein guter Moment, in den Markt einzusteigen." Shiller hält einen Boden bei einem durchschnittlichen KGV von immerhin 15 für möglich - das wäre deutlich höher als in der Vergangenheit aber immer noch rund 50 % unter den aktuellen Bewertungen.

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