Die Börsenkolumne aus New York
Börsenkolumne: Der Grinch schlägt wieder zu

Wer sich den Grinch als kleines, grimmig dreinschauendes Kerlchen im grünen Fell vorgestellt hat, der irrt. Hat zuviel Märchen gelesen und zuviel Kino gekuckt. In Wahrheit ist der Grinch fast zwei Meter groß und muskelbepackt, er hat einen dunklen Bart und einen roten Helm auf dem Kopf. Der Grinch steht an einem Hafendock in San Francisco und streikt. Diese Geschichte handelt davon, "wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat" - eine ältere Version von 1957 ist bei Dr. Seuss nachzulesen.

In einem anhaltend schwachen ökonomischen Umfeld, in den stagnierende IT-Investitionen die High-Tech-Branchen kleine halten, in denen nur teure Null-Prozent-Finanzierungen die Autoindustrie weiter rollen lassen, und in der ein schwacher Dollar und ein steigender Ölpreis im internationalen Geschäft für Unruhe sorgen, in diesem Umfeld bauen Konjunkturexperten nach wie vor auf den Verbraucher als Retter der US-Wirtschaft. Da kann das Verbrauchervertrauen ruhig weiter sinken, da können Markt-Umfragen verheerend ausfallen, da steht man drüber. Denn in zehn Wochen ist Weihnachten und da soll der Amerikaner die Malls stürmen.

Wenn das in diesem Jahr nicht so ist - und davon geht nicht nur eine aktuelle Studie von Lehman Brothers am Montagmorgen aus -, dann liegt das an sicher an einer ganzen Reihe von Faktoren. Doch ist der Hafenarbeiter in San Francisco einer der Hauptbeteiligten. Denn der, der Grinch, hält Weihnachten in den Klauen. Das heißt: Er hält Weihnachten nicht in den Klauen, denn die Klauen stecken in den Hosentaschen, und Tausende von Spielkonsolen, Roboter, Modellautos und Barbie-Puppen bleiben in dunklen Schiffscontainern liegen statt ihren Weg in die Supermärkte und Spielzeugläden zu finden.

"Wir können das noch ein oder zwei Wochen mitmachen", sagt Jerry Welch, CEO von FAO Schwarz. "Aber danach wird es richtig schwierig werden, die Nachfrage zu stillen."

Auch anderswo im US-Einzelhandel macht sich bereits Sorgen. Denn genau jetzt wäre der Zeitpunkt, die Lager zu füllen - und niemand weiß, wie lange der Arbeitskampf dauert, der das Weihnachtsgeschäft auf ein wackliges Fundament stellt und die Wirtschaft jeden Tag 2 Mrd. $ kostet. Nach der Aussperrung von 10 500 Hafenarbeitern und einem Stau von mehr als 200 Frachtschiffen vor der Westküste hat sich am Morgen Präsident George W. Bush eingeschaltet, ein eigens eingerichtetes Gremium soll die Verhandlungen zwischen Frachtlinien und Arbeitern wieder in Gang bringen.

Gespräche mit Hafenarbeiter gescheitert

Die Gespräche über die Forderungen der Hafenarbeiter waren in der Nacht zum Montag für gescheitert erklärt und auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Die Arbeiter verlangen eine Lohnerhöhung, eine höhere Krankenversicherung ohne weitere eigene Abzüge und eine Aufstockung der Pensionskassen um 1 Mrd. $ - die Unternehmen verlangten zunächst eine Verlängerung der alten Verträge um 3 Monate, um neue Verhandlungen abschließen und Papiere umschreiben zu können.

Den Arbeitern passt dieser Vorschlag zunächst nicht. Die Klauen bleiben in den Taschen und mancher am Dock blickt tatsächlich so grimmig drein wie der kleine grüne Grinch aus dem Märchen.

Der ist indes nicht nur in der Person des Hafenarbeiters zurückgekommen. Noch viele andere Hindernisse gibt es, die den Erfolg eines Weihnachtsgeschäfts in Frage stellen. So scheint es, dass es zum Fest für manche Güter kaum eine Nachfragesteigerung geben wird. Die PC-Branche, die seit Monaten darbt, kann sich ein dickes Weihnachtsplus zur Zeit höchstens auf den Wunschzettel schreiben - Lieferung nicht garantiert. Die Chipbestellungen in Taiwan sind im Keller, und das spricht für eine schwache Auflage im Bereich von Computern ebenso wie nach Videospielen, DVD-Playern, und - sowieso - Handys.

Selbst in Bereichen, wo eine Nachfrageerholung nach Expertenmeinung nicht ausgeschlossen ist, geben sich die Zwischenhändler vorsichtig. Firmen zögern Nachbestellungen hinaus, sie wollen erst sicher sein, bevor sie weiter investieren. "Das ist eine sehr ungewöhnliche Situation", sagt Frank Huang, Chef des taiwanesischen Branchenverbands Computer. "Die Hersteller sind sehr vorsichtig geworden."

Die Anleger scheinen den Braten gerochen zu haben. Nachdem einige Aktien der Videospielbranche zuletzt gute Gewinne machen und vor dem Hintergrund optimistischster Erwartungen für das Weihnachtsgeschäft klettern konnten, sind die ersten großen Shorts geordert worden. Man rechnet mit dramatischen Kursverlusten, wenn die Nachfrage nach Spielen einbricht.

Diese wiederum dürften beim Kleinanleger erneut für Verluste sorgen, das Portemonnaie belasten und den Konsum- und Schenkwillen zum Jahresende herbe beeinträchtigen. Ein unsicherer Arbeitsmarkt dürfte sein übriges tun, Verbraucher aus den Läden zu halten. Doch sind das alles Langzeitsorgen, die von heute auf morgen nicht aus dem Markt zu schaffen sind. Bei einem Streik, bei einer Aussperrung ist das anders: Bushs Kommission will die zerstrittenen Parteien an einen Tisch zurückbringen, und vielleicht geben die Hafenarbeiter Barbie und Co. doch noch rechtzeitig frei. Dann wäre Weihnachten (vielleicht) noch zu retten.

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