Die Börsenkolumne aus New York
Das Dilemma der Börse im Krieg

Das Dilemma der Börse im Krieg ist offensichtlich. Völlig klar ist, dass der Ausgang des Krieges die Aktien massiv beeinflussen wird - völlig unerträglich ist, dass Anleger bis dahin eigentlich gar nichts tun können als unruhig abzuwarten. Mancher hat Angst, den Anschluss zu verpassen, doch ist Ruhe erste Investorenpflicht.

An der Wall Street wird munter weiter spekuliert und Geld verschoben, und dabei stützen sich Anleger nicht nur auf Ereignisse, deren Auswirkungen auf den Ausgang des Krieges und den Markt nur schwer zu fassen sind, sondern vor allem auch auf Medien, deren Polemik und pro-Bush-Propaganda Fakten schafft, wo eben noch ein Gerücht war. Das ist gefährlich.

Wirkliche Neuigkeiten von Unternehmen und Konjunktur gibt es unterdessen nicht. Deren völlige Abwesenheit treibt im US-Börsenfernseher bereits die Reporterin an der Hightech-Börse Nasdaq dazu, die zwei Fronten im Irak und die eventuellen Angriffe auf zivile Ziele zu erörtern. Solches ist ihre Aufgabe eigentlich nicht, sie wird ja im Studio hinreichend erledigt - wenn auch oft in schlechtem Stil.

Doch dreht es die arme Moderatorin so, als wäre das Vorankommen der Truppen im Wüstensand das Thema, das vor allem die Anleger in Chip- und Netzwerkaktien umtreibt. Das ist natürlich Quatsch, denn der Krieg ist nicht das Problem einiger Computer- und Tech-Aktien, sondern schlicht das Problem der Märkte im ganz allgemeinen. Aber was soll sie auch anderes sagen?!

Nur wenige Branchen stehen noch während des Kriegsverlaufs als sichere Verlierer fest - darunter die Airlines, die mit Milliardenverlusten rechnen -, und nur wenige Unternehmen stehen als Kriegsgewinnler fest, darunter Halliburton, einige Baukonzerne und die Riesen im Ölsektor. Doch ist auch bei denen nicht unbedingt jetzt die Zeit zu kaufen. Halliburton beispielsweise hat eine satte Rallye bereits hinter sich, die Ölbranche ist zu volatil auf den Ölpreis ausgerichtet, hier kann auch noch viel verloren werden.

Wenn US-Präsident Bush am Donnerstag noch einmal erklärt, dass der Krieg nun doch Monate, und nicht nur wenige Wochen, dauern könnte, dann gibt er auch der Börse den einzigen sinnvollen Ratschlag: Abwarten? Dieser eine gute Rat ist höchstwahrscheinlich entgegen der Redenswart nicht teuer - ein Einstieg in einen Kriegsmarkt zum falschen Zeitpunkt kann hingegen gehörig ins Geld gehen.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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