Die Börsenkolumne aus New York
Der Financial District ist eine üble Gegend

Nicht nur mit dem Einbruch der Kurse plagt sich die Wall Street am Donnerstag. Einen schmerzlichen Imageschaden registriert eine aktuelle Stimmungsumfrage unter Investoren. Eine zweifelhafte Gegend ist die Wall Street demzufolge für immer mehr Anleger.

wasc NEW YORK. "Gierig" und "unehrlich" sei die Finanzgemeinde, so die Meinung der Teilnehmer. 55 Prozent der Befragten haben gegenüber den Gelddienstleitstern eine positive Einstellung - vor einem Jahr waren es allerdings noch 62 Prozent. Regelrecht abgewatscht wurden die Broker. Nur einer unter fünf Anlegern äußerte sich "sehr zufrieden" mit seinem Händler - im vergangenen Jahr waren es noch doppelt so viele.

Unzufrieden war wohl auch die Chefetage von Merrill Lynch. Die Investmentbank hat ihren langjährigen Chef-Volkswirt Bruce Steinberg gefeuert. Steinberg gehörte zu den Angesehensten seiner Zunft, bei den jährlichen Rankings des Fachblattes Institutional Investor Magazin zählte er zur Top-Riege. In den vergangenen Wochen hatte Steinberg eine trübere Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung in den USA gegeben. Ein Trost für den Ober-Ökonomen: Er ist nicht allein. 18600 Bankangestellte setzt Merrill Lynch auf die (Wall) Strasse, rund 25% der Belegschaft.

Personalien sind Parkettgesprächsstoff Nummer eins: Nach dem Abgang des unglücklichen Harvey Pitt fragt sich die Finanzgemeinde, wer die SEC bald leiten soll. Rudolph Guliani, beliebter Ex-Bürgermeister von New York, hat bereits dankend abgelehnt. Angesichts der vielfältigen Aufräumarbeiten nach dem Pitt-Debakel scheint der Job nicht verlockend. Die Finanzinstitute, deren Geschäftsgebaren derzeit von der SEC unter die Lupe genommen werden, erhoffen sich durch die Kopflosigkeit der Behörde eine Atempause - und vielleicht lässt sich ja alles mit einem Vergleich beilegen?

Das Weiße Haus jedenfalls scheint in keiner Eile den Posten neu zu besetzen. "Ich kann nicht sagen, ob es Wochen oder Monate dauern wird", beschied Sprecher Ari Fleischer Fragen. Das Vertrauen der Anleger wird durch das Kandidatenkarussell jedenfalls nicht gestärkt.

Um das Verbrauchervertrauen ist es ja bekanntlich wenig besser gestellt. Das bringen die jüngsten Monatszahlen der Einzelhändler erneut an den Tag, die am Donnerstag bekannt wurden. Nicht einmal die Kürbismanie zu Halloween, sonst ein starker Anreiz, konnte die US-Bürger zum Kaufen bewegen. Traditionell werden Ende Oktober Kostüme, Süßigkeiten und allerlei Scherzartikel verkauft. Schon der Schulanfang , die Back-to-school-Season, hatte die Umsätze nicht so belebt wie erhofft. Besonders besorgt stimmen dürfte nicht nur Wal-Mart und Co. die Tatsache, dass die Verbraucher sogar bei Lebensmitteln inzwischen zurückhaltender sind. Nun bibbert die Branche dem Weihnachtsgeschäft entgegen.

Unter den Umständen zeigt zumindest das Greenberg´sche Zinstonikum am Donnerstag noch keine belebende Wirkung. Und vermehrt hört man die Zweifler, die den großzügigen Schluck aus der Geldpulle nicht für gesundheitsfördernd halten. Einer der heftigsten Kritiker von Big Al kommentierte den letzten Schnitt mit beißender Ironie: "Die Fed wird den Bärenmarkt mit Zähnen und Klauen bekämpfen. Deshalb wird es ein langer und quälender Bärenmarkt sein."

© Wall Street Correspondents, Inc.

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