Die Börsenkolumne aus New York
Die Euphorie weicht der Unsicherheit

"Kaufen, wenn die Kanonen donnern" - diesen Merksatz hat die Börse verinnerlicht. Im Irakkrieg wollten nun einige besonders Eifrige der zu erwartenden Rallye vorgreifen, und so trieben sie den Markt schon in den Tagen vor dem Erstschlag in ungeahnte Höhen. Die Rallye hielt nicht lange, die damalige Euphorie ist großer Unsicherheit gewichen.

wsc NEW YORK. Rund um das Azoren-Treffen von US-Präsident Bush und seinen Verbündeten Tony Blair und Jose Maria Aznar hatte sich eine historische Kletterpartie für die US-Indizes entsponnen. Damals schien alles so klar - nicht nur der Krieg, sondern vor allem Taktik und Sieg. In einer viel beschworenen Shock-and-Awe-Welle wollte man Bagdad zu Beginn des Krieges binnen weniger Tage mit mehr Bomben treffen als im ganzen ersten Golfkrieg. Diese sollte unterdessen präzise gesteuert sein und nur Militäranlagen treffen und das Regime vernichten. In spätestens 48 Stunden wollte man Saddam Hussein gefangen nehmen. - Seither ist vieles schief gegangen.

Die Bomben auf Bagdad haben den Irak zwar geschockt und sicher in große Angst und Panik versetzt, sie haben aber weder das Militär zur von Bush ernsthaft erhofften Aufgabe gebracht, noch den Hass gegen den Tyrannen geschürt. Im Gegenteil: Eine Bombe, die auf dem Marktplatz der Hauptstadt 14 Zivilisten tötete und zwei Häuser beschädigte, hat dem Ansehen der selbst ernannten Befreier sehr geschadet.

Das war ohnehin nicht sehr hoch: Selbst das Propaganda-Programm der US-Sender konnte bislang keine Bilder jubelnder Iraker zeigen.

Die alliierten Truppen sind unterdessen weit von Bagdad entfernt und scheinen die Stadt so schnell nicht einnehmen zu können. Ein britischer General, der die Hauptstadt längst im Kessel wähnte, wurde von Seiten der Bündnispartner abgestraft. Auch ist abgesehen von der zeitlichen Verzögerung überhaupt nicht klar, dass die Amerikaner und ihre Partner Bagdad einnehmen können - und zu welchem Preis. Man hat den präzisen Luftkrieg überschätzt und muss sich unter Umständen auf einen schmutzigen und blutigen Häuserkampf einlassen, in dem die Iraker trotz ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit den US-Truppen massiv Schaden zufügen können.

Weitere Schwierigkeiten macht den Amerikanern, dass die Türkei den Truppen wider Erwarten keine Unterstützung bei der Errichtung einer Nordfront bietet, und dass eine kleine Front aus Fallschirmspringern längst nicht die Übermacht hat, die man in Washington gerne gesehen hätte.

Doch nicht nur an der Front läuft den Alliierten einiges aus dem Ruder, auch an der PR-Front geht seit Tagen allerhand schief - und genau das belastet die Börse, wo man Informationen genauso aus den Nachrichten bezieht wie anderswo auf der Welt. Diese hatten zunächst die Rallye begünstigt, da Nachrichten einerseits auf einen raschen Sieg gedeutet hatten und andererseits darauf, dass sich Saddam Hussein mehr und mehr gegenüber der Völkergemeinschaft diskreditieren und also die Unterstützung für den amerikanischen Krieg steigen würde. Nun scheint aber klar, dass Bush und Blair eine ebenso verlogene Schlacht schlagen, wie sie in den Monaten der von UN-Inspektoren überwachten Abrüstungsphase dem Feind vorgeworfen hatten.

Umm-Kasr ist eingenommen, hieß es schon am zweiten Kriegstag. Stimmt nicht - die später eingeräumten Widerstandsnester sind größer als zugegeben und leisten den Besatzern immer noch Widerstand. Eine irakische Division mit 8000 Soldaten habe sich komplett ergeben. Stimmt nicht, ein Unteroffizier hatte sich gegenüber den US-Truppen aufgespielt, doch er war wohl alleine gekommen. Britische Soldaten seien im Irak als Kriegsgefangene hingerichtet worden, plärrten Bush und Blair am Donnerstag aus Camp David. Stimmt nicht, muss man einen Tag später einräumen, die Jungs sind im Gefecht gefallen.

Solche Nachrichten sind der Zuversicht der Amerikaner zuhause - und vor allem der Anleger - nicht eben zuträglich. Das "worst case scenario", das der Markt eingepreist hatte, war keineswegs der schlimmst mögliche Kriegsverlauf. Es war nicht mehr als die Vision eines vollkommen ignoranten Volkes, das sich auf das Wort eines militärisch total unerfahrenen Präsidenten verlassen hat, und dem erst jetzt klar wird, dass der Krieg im Irak nichts mit den Planspielen des Cowboys Bush zu tun hat.

Die Amerikaner entsenden nun noch einmal 10 000 Soldaten in den Golf, die vor allem am Boden die Truppen unterstützen sollen. Der Markt sieht dabei zu, allerdings mit einem Gefühl der Unsicherheit und längst nicht mehr im verfrühten Siegestaumel. Der Markt hat nach einer Rekord-Rallye in dieser Woche wieder 3,5 % verloren. Weitere Verluste kündigen sich an - im Golf und auf dem Parkett.

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