Die Börsenkolumne aus New York
Die Masse macht’s – oder eben nicht

Obwohl die US-Börsen die Woche wieder einmal tiefrot begonnen haben, und obwohl der Dow Jones am Montagmittag schon um 150 Punkte eingebrochen ist, wagt kaum jemand eine Prognose auf die Schlusskurse des Tages oder gar der Woche.

Weitere Verluste sind ebenso drin wie eine späte Rallye, und das hat einen Grund: Das Handelsvolumen ist so niedrig wie lange nicht mehr, der Markt ist labil.

Das niedrige Handelsvolumen ist zur Zeit das größte Problem der US-Märkte. Vielleicht drückt es die Kurse mehr als die geopolitischen Unruhen und die Unsicherheit um die Gewinne der Unternehmen. Dabei reflektiert es nur beide Faktoren - und eine Erfahrung von Tausenden von Anlegern. Aus drei Jahren Bärenmarkt haben Investoren gelernt, dass die Angst vor Verlusten viel größer ist als die Angst vor einem verpassten Gewinn.

So nehmen Anleger die zahlreichen Kauf-Signale, die der Markt immer wieder aussendet, schulterzuckend zur Kenntnis. Niedrige Einstiegskurse? - Na ja, es kann immer noch mehr runter gehen. Einige Banken setzen den Aktienanteil in den Musterportfolios herauf? - Das heißt nicht, dass es nicht trotzdem schief gehen kann.

Die UBS Warburg und die Meinungsforscher von Gallup berichten am Montag, dass die Investorenstimmung so bearish ist wie nie zuvor in der Geschichte des Index. Seit 1996 wird in repräsentativen Umfragen ermittelt, wie Anleger zu einer Erholung der Aktienmärkte stehen und wie es um ihren Investitionswillen bestellt ist. Die Bilanz für Februar ist erschütternd: Nur 35 % der Befragten rechnen mit Wirtschaftswachstum in den nächsten 12 Monaten, nur 30 % glauben, dass es auf Jahresfrist an den Finanzmärkten aufwärts geht. Ganze 51 % der Befragten sind in allen Punkten pessimistisch.

Die Sorgen der Anleger sind gemischt. 37 % der Befragten halten einen Irakkrieg für das größte Problem der Märkte, ganze 56 % rechnen damit, dass sich ein Krieg negativ auf die Wirtschaft auswirken wird. 22 % der Anleger rechnen mit einem anhaltenden konjunkturellen Abschwung, und weitere 22 % sehen den Markt vor dem Hintergrund terroristischer Angriffe in Gefahr.

Unterm Strich fällt auf: Der Investor sieht keinen Grund zu kaufen. Für Bob Dickey, technischer Analyst bei RBC Dain Rauscher, ist deshalb klar: "Das Marktvolumen wird weiter gering bleiben, der Markt wird langsam rauf und runter gehen ohne wirklich eine Richtung zu finden." Das niedrige Volumen ist für ihn unterdessen ein positives Signal - es schützt den Markt vor massiven Verschiebungen und macht Kurssprünge leichter reversibel. Bei hohem Volumen hingegen kam es in der Vergangenheit nicht selten zu Panikkäufen oder-verkäufen, die Anleger auf lange Sicht teuer zu stehen kamen.

Rick Besignor, Technikstratege bei Morgan Stanley, will unterdessen einen Grund für das schlappe Volumen gefunden haben, der über die üblichen Sorgen hinaus geht: Er sieht den Markt an einem fundamentalen Wendepunkt, den der Markt aber als solchen noch nicht identifizieren könne

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Die Wende für die US-Börsen leitet er nicht zuletzt aus Konträr-Indikatoren ab, die so niedrig notieren wie selten. Der UBS/Gallup-Index gehört dazu, aber auch andere Stimmungsindikatoren seien "so negativ wie zuletzt im Oktober 2002" - da begann die jüngste Rallye, die dem breiten Markt auf Sicht von drei Monaten immerhin Kursgewinne von 20 % bescherte.

Allein, danach ging?s ja wieder runter, und wieder haben Anleger die Konsequenz gezogen und aus Fehlern und Verlusten gelernt. Die Angst vor Verlusten - siehe oben - ist eben viel größer als die Angst vor einem verpassten Gewinn.

Je länger und je breiter sich dieses Gefühl durchsetzt, desto hinfälliger wird übrigens eine alte Legende. Einst hieß es, dass der Markt beste Gewinnchancen habe, wenn die Anleger bearish sind. Denn dann sei viel Geld aus dem Markt gezogen, es liege quasi bereit und warte nur darauf, wieder investiert zu werden. - Das ist natürlich Quatsch. Das Geld wartet überhaupt nicht darauf, wieder investiert zu werden. Die Cashreserven der Anleger, die noch in den Markt dürfen, notieren auf den tiefsten Stand seit 7 Jahren. Das haben die Marktforscher von Lowry?s Research ermittelt.

Damit dürfte das Handelsvolumen noch eine Zeit lang gering bleiben.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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