Die Börsenkolumne aus New York: Droht den US-Börsen ein Crash?

Die Börsenkolumne aus New York
Droht den US-Börsen ein Crash?

Die dunkle Wolke Irak schwebt seit Monaten über der Wall Street, selten aber zeigten sich die US-Börsen so gelähmt wie am Dienstag. Man wartet auf eine Rede von US-Außenminister Colin Powell vor der UNO und rechnet offensichtlich auf weltbewegende Neuigkeiten. Dabei verlieren Anleger und Analysten zunehmend die wahren Gründe für den schwachen Markt aus den Augen.

wsc NEW YORK. Was wird Powell schon an Neuigkeiten präsentieren? - Satellitenfotos hat er angekündigt, ein paar Tonbandaufnahmen. Wäre das Material so inkriminierend wie Präsident Bush angekündigt hat, dann hätte man es wohl längst rausgerückt. Schon den Vereinten Nationen gegenüber wäre es ein Affront gewesen, wenn die Vereinigten Staaten als Mitgliedsland und Bündnispartner die Waffeninspekteure nicht im Vorfeld mit allen maßgeblichen Informationen ausgestattet hätten.

Colin Powell dürfte am Mittwoch nicht viel mehr tun, als die Position seines Chefs noch einmal zusammenzufassen und um Unterstützung in einem Krieg zu bitten. An der Position der UNO gegenüber einer neuen Resolution wird er wohl nichts ändern können.

Worauf also wartet der Markt? - Der Verdacht liegt nahe, dass die Börse gar nicht gezielt wartet, dass sie nicht auf einen Termin, eine Aussage, einen Krieg, einen Frieden lauert, sondern dass sie schlicht schockgefroren auf News wartet und danach dennoch nicht weiß, wohin die Reise gehen wird. Nahe liegt auch, dass viele längst kapiert haben, dass nicht der Krieg die Börse bedroht, sondern dass ganz andere Unwägbarkeiten die Kurse im Laufe des Jahres auf neue Tiefstände schleudern werden.

Wie könnte es auch anders sein: In der vergangenen Woche waren die Bestellungen langlebiger Güter weit hinter den Erwartungen zurück geblieben, das Verbrauchervertrauen ist deutlich gefallen. Am Montag zeigten Zahlen aus der Automobilbranche, dass nun selbst beim Dumpingkönig General Motors die Umsätze fallen, dass also selbst der lange als allmächtig gepriesene Verbraucher nicht mehr kann. Am Dienstag zieht man enttäuschende Bilanz über die Fabrikbestellungen, und der Arbeitsmarkt signalisiert keine Erholung.

Die Signale die Corporate America seit Beginn der laufenden Ertragssaison aussendet, sind genauso negativ. Seit mehr als einem Jahr hat der Markt nicht mehr so viele Gewinnwarnungen gesehen, CEOs aus allen Branchen rezitieren im Chor, dass man in 2003 nicht an eine deutliche Verbesserung von Konjunktur, Verbraucher- und IT-Ausgaben glaube. Tom Siebel vom Softwareriesen Siebel Systems war ja zu Wochenbeginn nur der jüngste, der sich in den Chor einreihte.

Dass viele Marktteilnehmer zumindest beginnen, die wahre Situation an den Börsen zu verstehen, zeigt sich indes immer mehr. Ein Händler auf dem Parkett zeichnet ein düsteres Szenario, das allerdings nicht unwahrscheinlich ist. Es geht so: Die USA marschieren im Irak ein, sie führen einen schnellen und erfolgreichen Krieg, die Ölquellen werden gerettet, das Land unter den Schutz der UNO gestellt und der Nahe Osten ist weiter stabil, die Börse - stürzt ab. Im Sturzflug. Crash.

Der Grund: Sobald das Thema Irak endgültig vom Tisch ist, kann der Markt auf andere Punkte fokussieren. Die legen eine Erholung nicht nahe, und schlagartig wird allen klar, was bislang die Mehrheit leugnet: Es lag gar nicht am Krieg! Der Blick schweift direkt vom Wüstensturm im Irak auf die Trümmerlandschaft Corporate America, in der die Lagerbestände hoch und das Investitionsniveau niedrig sind. In der so viele Leute auf der Straße stehen wie seit acht Jahren nicht mehr. In der Unternehmen weiter rote Zahlen schreiben, in der sich noch ein paar Airlines, Einzelhändler und Internetklitschen für immer verabschieden, und in der für höhere Kurse einfach kein Platz ist.

Am Dienstag ist der Dow auf ein neues Jahrestief gefallen. Um 11.30 Uhr notierte der Index bei 7935 Zählern und damit bereits 10 % unter seinem Januarhoch. Die Tendenz ist nicht zu übersehen.

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