Die Börsenkolumne aus New York
Falsche Signale bringen US-Markt in Gefahr

Die Stimmung auf dem New Yorker Parkett hat sich in den letzten Tagen dramatisch verbessert. Die Gesichter freundlich, immer wieder mal ein Scherz - aus der anfänglichen Freude über die aktuelle Rallye ist breiter Optimismus geworden. War man den ersten Kurssprüngen vor zwei Wochen noch mit einer Mischung aus Euphorie und Unsicherheit gefolgt, so baut man nun auf eine richtige Erholung der Märkte.

wsc NEW YORK. Das zeigt sich am Donnerstag am ehesten im Handel mit Tyco und AOL Time Warner. Man nimmt dem Online-Giganten gar nicht übel, dass er die Bilanzen noch einmal durchgehen muss. Man hatte ohnehin seit Monaten geahnt, dass die AOL-Sparte Umsätze falsch verbucht und die Bücher frisiert hat. Diese Geschichten kennt man zur Genüge, sie waren es ja, die den Markt zuletzt so tief in den Keller getrieben haben. Nun denkt man sicht: Wenigstens haben sie?s zugegeben. Ein Fünkchen später Einsicht tröstet Anleger darüber hinweg, dass vermutlich Anzeigeneinnahmen in Höhe von 190 Mio. $ aus der Bilanz genommen werden müssen.

Bei Tyco ist das ähnlich. Der Mischkonzern, dessen Aktien nach den Enthüllungen über den Chef-Ganoven Dennis Kozlowski zwischenzeitlich um 90 % unter das Jahreshoch stürzten, lässt die Bücher ebenfalls noch einmal prüfen. Einen Vertrauensvorschuss hat das Unternehmen, das aus Steuergründen auf die Bahamas abwanderte und seinem CEO Villen mit goldenen Schirmständern spendierte, sicher nicht verdient. Doch reicht es Anlegern am Donnerstag, dass der von Tyco beauftragte Bilanzanwalt erklärt: "Es würde mich sehr überraschen, zu diesem Zeitpunkt auf einen großen Betrugsfall zu stoßen." Sicher, das wäre überraschend, aber Aktien kaufen muss man vorab dennoch nicht.

AOL Time Warner und Tyco legen dennoch um jeweils 10 % zu - die Anleger scheinen übermütig zu werden. Überhaupt haben sie seit Wochenmitte einen Optimismus entwickelt, der dem Markt gefährlich werden könnte. Experten sprechen von einer Erholung, während mitten in der Ertragssaison Unternehmen reihenweise für das vierte Quartal warnen, anhaltend schwache Umsätze vorrechnen und auf Kostengründen Angestellte entlassen. Letzteres nimmt die Wall Street indes schon seit Wochen nicht zur Kenntnis.

Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor schwach, doch sieht man vieles durch die rosa Brille. Dass die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung in der vergangenen Woche wieder unter die kritische Grenze von 400 000 gefallen ist, wollte mancher schon wieder als ein Signal für eine Stabilisierung sehen. Das ist es nicht. Im Gegenteil: Die höchst volatile Wochenstatistik mag zwar unter eine bestimmte Marke gefallen sein, doch notiert das Monatsmittel immer noch über dem kritischen Grenzwert.

Und nach einer Flut eher überraschender Arbeitsmarktdaten - unter anderem der unerwartet und nicht unumstritten niedrigen Quote - sollte mancher den Blick von den Zahlenbergen in die Nachbarschaft lenken. Da verlieren nämlich nach wie vor reihenweise Leute ihren Job und finden keinen neuen. Eine Freundin schrieb mir erst am Morgen von ihrer Erfahrung bei einer Jobmesse. "War neulich auf einer Job Fair von Womenforhire.com. Es war unglaublich voll! Ich habe anderthalb Stunden in der Schlange gestanden nur um reinzukommen."

Falsche Signale aus der Konjunktur bringen den Markt in Gefahr, nun doch wieder abzustürzen. Anleger wähnen eine gesamtwirtschaftliche Erholung kurz bevor, und deshalb finden sie Aktien billig und kaufenswert, denen es schlicht an Substanz fehlt. So stark wie mancher hofft, wird die Erholung nicht ausfallen, und ein Unternehmen, das auf Jahressicht noch immer Verluste prognostiziert, muss an ihr nicht teilhaben. Die Sicherheit im Markt kommt in diesen Tagen etwas zu schnell und verstellt den Blick auf die immer noch vorhandenen Gefahren.

© Wall Street Correspondents, Inc.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%