Die Börsenkolumne aus New York
Freitag, der 13.: Nicht nur Abergläubische halten sich zurück

Freitag, der dreizehnte - Napoleon hat an diesem Datum keine Schlacht gekämpft, Goethe ist nicht einmal aufgestanden, Heinrich der Achte hat sich in seinen Kerker einschließen lassen und gehofft, dass ihn das Pech dort nicht findet. Auch für manchen Aktionär wäre es besser gewesen, wenn man auf diesen Wochenschluss verzichtet hätte. Mit den Warnungen von Honeywell und Lucent im Kreuz liegt die Wall Street darnieder, allein die High-Tech-Werte handeln mit leichten Gewinnen.

Nun sind schlechte Nachrichten natürlich nicht wirklich vom Datum abhängig, und wer heute nicht gerade einen Spiegel zerbricht und unter einer Leiter durchmarschiert, der dürfte den Tag ganz gut durchstehen. Doch häufen sich nun ausgerechnet zum Wochenausklang die schlechten Nachrichten in einer Art, die eine versöhnliche Wochenbilanz trotz des guten Starts unmöglich machen.

Es sind nun mal nicht zwei kleine Unternehmen, die am Freitag mit der Meldung Schlagzeilen machen, man werde die Gewinnerwartungen nicht einhalten. Es ist mit Honeywell einer der großen Zykliker, dessen Geschäft Rückschlüsse auf die Konjunktur zulässt und dessen Darben auf andere Unternehmen und sogar andere Sektoren abfärbt. Und dass mit Lucent der größte amerikanische Telekom-Ausstatter warnt, beendet alle Spekulationen auf eine baldige Erholung für den gebeutelten Sektor.

Und dann sind es nicht mal nur die Unternehmensmeldungen, die auf dem Markt lassen. Auch zwei Tage nach dem 11. September fühlen sich die Amerikaner unsicher - ein Zwischenfall auf der "Alligator Alley" gibt ihnen recht. Drei Männer, zwei Autos, jede Menge Sprengstoff - hätte nicht zufällig eine Frau am Nebentisch die Unterhaltung der mutmaßlichen Terroristen belauscht, dann hätte es vielleicht am Abend einen weiteren Anschlag in einer Millionen-Metropole gegeben.

Und auch ohne die Meldung aus Florida ist von Ruhe keine Rede. Mit dem vielleicht notwendigen Abstand zum ersten Jahrestag der Terror-Attacken auf World Trade Center und Pentagon setzen wieder die Diskussionen zum Thema ein. Am Mittwoch wurde noch einmal offiziell getrauert, am Freitag wird auf Straßen und Plätzen geredet und analysiert, zumal die gestrige Rede von Präsident George W. Bush vor der UNO den Gedanken an einen Irak-Krieg und die Angst vor der damit verbundenen Gefahr deutlich macht.

"Wir sind nicht unangreifbar, wir müssen aufpassen", sagt ein Trader auf dem Weg zur Börse, und ein paar Banker am Bagel-Stand sind sich nicht im klaren darüber, was ein Krieg für die Börse bedeuten könnte. Nichts gutes, fürchten sie, - und tatsächlich: Wenn einige Experten von einem nachhaltigen Schub für die US-Börsen sprechen, dann verwechseln sie Krieg und Sieg. Sicher, ein schneller Sieg gegen die Wüsten-Diktatur könnte das Verbrauchervertrauen stärken und die Konjunktur einen kleinen Stoß versetzen. Eine unerwartet starke Gegenwehr des Iraks und erste Verluste auf amerikanischer Seite könnten indes genau das Gegenteil bewirken und zu dramatischen Stürzen an der Wall Street führen.

So macht sich jeder seine Gedanken, und Kauflaune kommt nicht auf. Wenig hilfreich ist auch, was NYSE-Chef Dick Grasso am Morgen in den Raum wirft. Er will einen zweiten Trading-Floor aufbauen, um auch in einem weiteren Angriffsfall den Handel gewährleisten zu können. Er will ihn außerhalb der Stadt, vielleicht in Queens oder Brooklyn und sagte doch einem Bloomberg-Reporter: "Sicher sind wir da aber auch nicht. Wenn es einen Nuklearschlag gibt, wären wir wieder nicht weit genug weg."

Die Ängste der New Yorker sind groß und verständlich, und dass es nun am Freitag, den dreizehnten noch etwas weiter in den Keller geht, das darf niemanden wundern.

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