Die Börsenkolumne aus New York
Greenspan, Saddam und der Kriegs-Komödienstadl

Dass die US-Märkte am Mittwochmorgen schwach gestartet waren, hatte zwei gute Gründe: Die Wall Street wartete zum einen auf Erklärungen von Alan Greenspan, der sich vor dem Wirtschaftsausschuss des Kongresses äußern sollte, zum anderen lag noch immer die Ungewissheit um einen möglichen Krieg gegen den Irak über dem Markt.

Von Alan Greenspan hatte man sich eine plausible Erklärung erhofft, warum die Notenbank in der vergangenen Woche die Zinsen unerwartet drastisch um 50 Basispunkte gesenkt und danach die aktuelle konjunkturelle Situation wieder schön geredet hat. Erst am Dienstag hatte ja Greenspans Vize Roger Ferguson erklärt, es sei mit einer spürbaren Trendwende und entsprechendem Wirtschaftswachstum in 2003 zu rechnen. Greenspans Ausführungen waren dann natürlich nicht so schlüssig wie man gehofft hatte, vielmehr drückte sich der oberste Notenbanker wieder einmal um klare Aussagen.

Und doch fingen die Märkte plötzlich an zu klettern. Während Greenspan auf der Hauptbühne in Washington sprach und sich von den Abgeordneten löchern ließ, schlich auf einer anderen Bühne in New York der irakische Botschafter zu den Vereinten Nationen, Mohammed Al-Douri, ins Büro des Generalsekretärs und übergab Kofi Annan einen Brief seiner Regierung. Darin erklärt Saddam Hussein überraschend, man stimme der Irak-Resolution der UNO bedingungslos zu und lasse die Waffeninspekteure ins Land. Diese könnten bereits am 18. November, also am Montag kommender Woche, ihre Arbeit aufnehmen.

Damit macht der Diktator eine völlig unerwartete Kehrtwende, nachdem das von ihm kontrollierte Parlament erst am Vortag einstimmig gegen die Resolution gestimmt hatte. Was wird hier gespielt, was bedeutet dieses Hin und Her? Führt Saddam Hussein die Welt noch einmal an der Nase herum, bevor seine Frist am Freitag endgültig abläuft und eine Entscheidung zwischen UN-Inspektionen und Krieg fallen muss? Oder will er sich plötzlich als Friedensstifter darstellen, der sein bereits zum Krieg entschlossenes Parlament im letzten Moment per Veto ausschaltet? Oder spielt er auf Zeit, um statt der Freitags-Deadline die 30-Tage-Frist ausnutzen zu können, binnen der er seine Waffenbestände offen legen muss? Oder ist der Diktator am Ende wirklich einsichtig geworden und beugt sich den Vereinten Nationen und den USA?

Letzteres ist natürlich eher unwahrscheinlich, doch wie auch immer die Sache liegt ist eines offensichtlich: So einfach und so klar sind die Entwicklungen im Irak nicht zu interpretieren, als dass der Dow auf einen Schlag mehr als hundert Punkte zulegen müsste. Da spielt wieder viel Euphorie mit, die in einer derart unsicheren geopolitischen Lage nicht gut tut. Der Komödienstadl des Saddam Hussein beeinflusst die Märkte stärker als er sollte.

Vielleicht jedoch hingen die Kursgewinne an den amerikanischen Börsen auch nur indirekt mit dem Irak zusammen und bezogen sich doch vielmehr aus die Äußerungen von Alan Greenspan. Denn auch der wusste einen möglichen Krieg in seine konjunkturellen Ausführungen zu implementieren. Der Fed-Chef rechnet nicht damit, dass sich ein Krieg groß auf die Konjunktur auswirkt. "Es würde mich sehr wundern, wenn die US-Wirtschaft von einem Krieg mehr als nur minimal berührt würde", so Greenspan.

Da kann man zwar durchaus anderer Meinung sein, doch hat man sich an der Wall Street daran gewöhnt, dass der Markt über solcherlei Meldungen nicht lange reflektiert, sondern jedes Zitat in einen Kurs umrechnet. Es scheint dabei viel mehr um die kurzfristige Volatilität und um aktuelle Stimmungen zu gehen als um langfristige Entwicklungen. Auch hier ist die Parallele zur Komödie deutlich: Die Pointe zählt und der Moment - die Rahmenhandlung spielt eine untergeordnete Rolle.

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