Die Börsenkolumne aus New York
Ich bau’ mir ein Haus – aber sonst kauf ich nix!

Ein Motivationsproblem hat die Wall Street nicht, und das ist ja auch schon was. Ein Wochenstart im Grünen macht Laune, und dass die Kurse schon nach wenigen Stunden doch in die Miesen rutschen, liegt an einigen schlechten Nachrichten, die der Markt zunächst eben einfach ignoriert hatte. Die Einstellung also stimmt.

Leider stimmen die Zahlen nicht. Bei Lowe?s zwar schon, jener zweitgrößten US-Baumarktkette, die seit Monaten auf der Erfolgswelle surft - doch die ist natürlich ebenso die Ausnahme wie Branchenführer Home Depot, der am Dienstag melden und aller Voraussicht nach ebenfalls die Erwartungen der Analysten schlagen wird.

Dass sie Baumärkte so erfolgreich sind, liegt natürlich an dem anhaltenden Bau-Boom, dem ich vor einigen Tagen selbst erlegen bin. Gerade haben meine Freundin und ich ein Haus gekauft - nicht im teuren Manhattan, versteht dich zu konjunkturell schwachen Zeiten, sondern über den Fluss im ruhigeren Jersey City -, und schon zieht es auch uns zu Home Depot.

Zwar ist das Haus frisch renoviert, doch haben wir zwei Kamine im Schlaf- und im Wohnzimmer, die gestaltet werden wollen. Einen Abzug gibt es nicht, weshalb ein kleiner Gaskocher rein muss, komplett mit flachen schwarzen Steinen für ein wenig Mystik oder alternativ mit falschen Holzscheiten für Landhausstil á la Oberbayern. Wir haben uns noch nicht entschieden, doch gehen um die 300 $ in die Kassen von Home Depot. Dazu brauchen wir Türgriffe (Klinken oder Knöpfe?), neue Fenster, einige Applikationen für Küche und Bad, und im Keller wollen wir einen neuen Boden, Parkett, das können wir dank der Hilfe einiger Freunde aus der Baubranche sogar selbst verlegen.

Jede Menge Werkzeug werden wir auch brauchen, vor allem im Sommer, wenn wir den Garten gestalten wollen. Spaten, Schaufel und Rechen, ein paar Steinplatten dazu, unterm Strich werden wir wohl mehr als zehntausend Dollar los - doch wenn man sich das einmal leisten kann, dann jetzt. Denn die Zinsen sind bekanntlich auf einem supergünstigen Niveau. "Vor ein paar Jahren habe ich Kunden gesagt, wenn die Zinsen unter 8 % fallen, dann mache ich einen Handstand auch dem Times Square - nackt", meinte unser Kreditmann Keith kürzlich, als wir unsere Raten verhandelten. Wir haben einen Satz von knapp über 6 %, obwohl wir eine Woche vor der letzten Zinssenkung der Fed unterschrieben haben.

So wie uns geht es zur Zeit Hunderttausenden von Amerikanern. Alles baut, alles zieht um, alles richtet ein - aber dann sind die Konten auch irgendwann leer. Wer ein neues Haus kauft, der kauft halt nicht auch noch ein neues Auto. Das schöne Abendkleid, das meine Freundin seit Wochen sieht und eigentlich zur Silvesterparty anziehen wollte, bleibt wohl im Schaufenster hängen. Auch Weihnachten wird etwas sparsamer ausfallen. Nicht alle Brüder, Schwestern und Cousins brauchen neue Puppen von FAO Schwarz, der alte Computer tut?s noch ein Jahr, die Schuhe sind noch gut besohlt und der Rasierer scharf. Das Geschirr-Set ist sowieso schwarz und damit zeitlos, der CD-Player hängt zwar ab sofort, muss aber auch nicht gleich ersetzt werden.

Was heißt das für den Einzelhandel außerhalb des Baummarktsektors? - Es geht abwärts. Wal-Mart und Federated Department Stores klagen am Montagmorgen über fallende Umsätze in den Läden, die schon mehr als ein Jahr geöffnet sind. Die Kunden bleiben aus, man erwartet ein schwaches Weihnachtsgeschäft, und die trüben Aussichten macht unter Wall Street-Experten nur ein Witz wett, der seit ein paar Tagen kursiert. Als Ausrede für die bevorstehende schwache Saison machen die Unternehmen den Kalender verantwortlich: Zwischen Thanksgiving und Weihnachten liegen weniger Arbeitstage als in früheren Jahren - das liegt an der ungünstigen Verschiebung der Wochenenden. Schön und gut, aber kauft der Amerikaner deshalb weniger? Weil er vor Thanksgiving nicht an das Fest der Feste denkt? Und warum hat man die Planungen der kürzeren Saison nicht angepasst? Stand nicht schon vor Jahren fest, auf welche Tage Thanksgiving und Weihnachten 2002 fallen?

In Zeiten einer schwachen Konjunktur und vor dem Hintergrund marktbreit fallender Gewinne scheint Unternehmen mittlerweile keine Ausrede mehr zu blöd zu sein, um die schlechte Performance zu rechtfertigen. Von den trüben Aussichten lenken Sie damit nicht ab, und entsprechend notieren der Einzelhandelssektor und der breite Rest der Wall Street im roten Bereich.

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