Die Börsenkolumne aus New York
Inside Wall Street: Aderlass ist das Tagesmotto

Versuche nie einen Tresor aufzufangen. Dieses Bild beschreibt die Stimmung an der Wall Street. Erschlagen von Gerüchten und Negativ-Meldungen geben die Anleger ihr Vertrauen auf.

NEW YORK. Wer versucht, ein fallendes Messer aufzufangen, könnte noch mit dem Leben davon kommen. Versucht man allerdings, einen fallenden Tresor aufzufangen, stehen die Chancen doch um einiges schlechter. Eine These, die mir von Arthur Cashin, dem Chef-Händler der UBS Paine Webber, vor der New Yorker Börseneröffnung ans Herz gelegt wurde. Der gute Art, wie er liebevoll auf dem Parkett genannt wird, bringt die Stimmung an der NYSE auf den Punkt: Aderlass ist das Motto des Tages.

Mit einem Arbeitsmarktbericht, der eine noch recht wacklige Erholung signalisiert, der überraschend heftigen Umsatzwarnung von Intel und erneutem Ärger bei dem Mischkonzern Tyco International ist die Stimmung zum Wochenausklang mal wieder am Nullpunkt angelangt. "Was die Analysten und Unternehmen sagen, interessiert doch schon lange keinen mehr", beschwert sich Ted Weissberg von Seaport Securities. "Der Vetrauensverlust ist da und wird noch lange bleiben", zieht Teddy am Tradingpost von Tyco International Bilanz.

Schon zum Auftakt spannende Szenen auf dem Parkett. Rund 30 Händler haben sich um den Spezialisten - dem für Tyco verantwortlichen Makler - versammelt und warten auf die unmittelbar bevorstehende Börseneröffnung. Über 5 Millionen Aktien im Gegenwert von fast 100 Millionen Dollar stehen bei Eröffnung zum Verkauf. Ein erboster Händler zischt mir zu: "Die Aktie ist so billig; aber wer weiß, was an dem Fisch noch alles stinkt." Anscheinend, so das jüngste Gerücht, wird der für diesen Monat geplante Börsengang der Finanztochter CIT verschoben. Möglicherweise muss der Finanzvorstand aufgrund seiner engen Verbindungen mit Dennis Kozlwoski ebenfalls zurücktreten. Derzeit wird untersucht, ob Kozlowski Firmengelder für persönliche Zwecke missbraucht hat.

Für eine Überraschung anderer Natur sorgt das Management von Nortel Networks. Im Zuge einer Kapitalerhöhung sollten 150 Millionen neue Aktien herausgegeben werden. Doch in letzter Minute, kurz vor dem gestrigen Börsenschluss, platzt die Bombe: Nortel gibt 550 Millionen neue Aktien heraus. Gut für die Liquidität des Konzerns, schlecht für den nicht vorhandenen Gewinn pro Aktie. Schreiend und schiebend stehen auch an diesem Tradingpost über 30 bis 40 Händler zur Eröffnung. Die Hedgesfonds verkaufen und kaufen statt dessen die von den Kanadiern parallel herausgegebenen Wandelpapiere.

Ach, und da sind ja noch die unzähligen Analystenstimmen - die eh kaum noch interessieren - und die herein tröpfelnden Warnungen von Corporate Amerika. Intels Umsatzwarnung zieht im Dominoeffekt auch andere Werte aus dem Umfeld in den Keller. Der Chiphersteller muss allein in den ersten Handelsstunden negative Kommentare von J.P. Morgan, Morgan Stanley, Robertson Stephens und der Credit Suisse verdauen.

Und wenn´s bei Intel hakt, wie muss es dann erst beim Rivalen AMD aussehen? Im Sog des großen Bruders sorgen Abstufungen durch J.P. Morgan und Robertson Stephens auch hier für Abgabedruck.

Investoren werfen nun wohl in der Tat das Handtuch und kapitulieren auf breiter Front. Nicht umsonst hat das Handelsvolumen der NYSE gestern mit 1,6 Milliarden Aktien das höchste Niveau seit dem 6. Februar erreicht. Vielleicht ein Signal, dass zumindest kurzfristig betrachtet die Kursverluste in dieser Woche übertrieben waren.

Wall Street Correspondents

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