Die Börsenkolumne aus New York
Inside Wall Street: Die neue Vorsicht der Analysten

Die Analysten haben dazugelernt: Nachdem sie gegen Ende der Rezession den Aktienmarkt zu schnell zu hoch gepusht hatten und einen Absturz nicht verhindern konnten, reden sie gute Nachrichten nun klein.

Zuviel Optimismus schadet dem Markt bekanntlich mehr als er nutzt, und zu positive Diagnosen sind nach den Ermittlungen gegen "Quacksalber" wie Henry Blodget und Mary Meeker ohnehin nicht glaubwürdig.

Vorsichtig gibt man sich beispielsweise zu Applied Materials - obwohl der Chiphersteller Pflicht und Kür gut gelaufen ist, also in Gewinn und Umsatz die Prognosen der Wall Street übersprungen hat. Doch Analysten sehen (angesichts der häufig beschworenen IT-Schwäche) die Kehrseite der Medaille: Mit soviel neuen Bestellungen habe das Unternehmen den Aufschwung schon wieder hinter sich.

"Spielverderber!", möchte man rufen, doch hat Applied Materials zuletzt deutlich stärker gehandelt als Konkurrent Intel und der Sektor - einem zu großen Vorsprung würden die Fundamentaldaten nicht gerecht.

Und auch zur Grundstimmung würde ein weiterer Run auf die AMAT-Aktie nicht passen. Denn auch nach zwei Tagen fast euphorischer Zukäufe (von der Cisco-Rally der Vorwoche gar nicht mehr zu reden) sieht man auf dem Parkett die Krise nicht überwunden. Die rosa Brille hatten viele zu früh aufgesetzt, jetzt bleibt sie erst mal im Regal. Das Monokel muss raus, zur genaueren und gerne auch wieder konservativen Betrachtung einiger Zahlen.

Immer wieder ließen sich Anleger zuletzt von Quartalszahlen täuschen. Die Gewinnerwartungen übertroffen? Ja, super! Umsatz? Wen interessiert?s... Das war kurzsichtig, und man hat teuer bezahlt. Nun hören Investoren aufmerksam auf die Aussichten, die ein CEO dem Analysten mitgibt.

Die kommen als Zahl oder Allgemeinplatz. Zuletzt von HP-Chefin Carly Fiorina. Keiner hätte der resoluten Kämpferin in Sachen Compaq verübelt, wenn sie sich vor einem Ausblick gedrückt hätte: Immerhin muss sie nach der Fusion zwei Firmenkulturen zusammenführen und hat Besseres zu tun, als ins Blaue hinein zu orakeln. Doch drückte sie sich nicht. "Das Umfeld für IT-Investitionen ist weltweit schwach", sagte sie.

Anleger hören das nicht gerne, und Analysten müssen sich an so viel Ehrlichkeit erst wieder gewöhnen. Die Deutsche Bank schreitet tapfer voran und stuft Applied Materials ab - allerdings auf die Kaufliste. Nur drei Brokerhäuser führen den Titel mit "Halten", und auch bei Hewlett-Packard trauen sich weniger als die Hälfte der Experten an ein Urteil, das den aktuellen Chancen der Aktie wirklich entspricht.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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