Die Börsenkolumne aus New York
Inside Wall Street: Durchgegriffen wird morgen

Der Präsident will hart durchgreifen. Wirtschaftskriminelle sollen in den Knast, und nicht länger mit harmlosen Geldstrafen davon kommen. Am Dienstag will er in New York eine Brandrede halten und endlich Ernst machen gegen betrügerische CEOs und Buchhalter, korrupte Bilanzprüfer und unredliche Analysten. Allesamt sollen sie zittern - und endlich aufhören, das Vertrauen der Investoren in Corporate America weiter zu demontieren.

NEW YORK. Im Moment zittert aber noch niemand. Denn zum einen tuschelt man zwischen Wall Street und Weißem Haus, dass Bush nur zu einigen Punkten Stellung beziehen werde, die er seit Wochen fordert: mehr Macht für die Börsenaufsicht SEC, weniger Bürokratie schnelleres Durchgreifen an den Gerichten vorbei, sowie ein Ausschluss überführter Betrüger von allen Vorstands- und Aufsichtsratsgremien.

Diese Ideen sind unbestritten gut, doch fehlt es bislang an der Umsetzung. Mit der dürfte Bush jedoch keine Eile haben, denn auch der Präsident selbst und sein Vize Dick Cheney tragen keine weißen Westen. Bushs umstrittener Verkauf von Aktien des Energiekonzerns Harken und die um mehr als ein Jahr verspätete Meldung an die SEC rücken den nach außen hin Erbosten in ein schlechtes Licht. Bush saß 1990 im Vorstand des Unternehmens und verkaufte massiv Anteile, bevor der Konzern drastische Gewinneinbrüche bekannt gab und die Aktie auf Sinkflug ging. Dass die Geschichte 12 Jahre zurück liegt, wie Republikaner nun betonen, macht sie nicht besser.

Vizepräsident Cheney unterdessen kann seine Vergangenheit beim Öl- und Industrie-Multi Halliburton nicht abschütteln. In dessen Bilanzen hat man ähnliche Scheinbuchungen gefunden wie in den Büchern von Enron und WorldCom. Gemäß dem aktuellen Vorschlag der SEC, die Vorstandsvorsitzenden im Betrugsfall persönlich zur Rechenschaft zu ziehen, müsste sich auch Cheney vor Gericht verantworten.

Allzu hartes Durchgreifen ist also nicht im Sinne Bushs, doch allein darauf kommt es an. "Erst wenn der erste CEO des Anlegerbetrugs überführt und hinter Schloss und Riegel ist, wird das Vertrauen der Anleger in die US-Unternehmen wieder steigen", sagt der Kongressabgeordnete Billy Tauzin - ein Republikaner.

Auch andere Parteifreunde des Präsidenten setzen sich massiv für eine härtere Gangart ein. Im Wall Street Journal fordert am Montag auch der konservative Senator John McCain, Bushs Gegenkandidat im Vorwahlkampf, den SEC-Chef Harvey Pitt abzusetzen. "Pitt ist sicherlich ein feiner Mann", meint McCain. "Doch er geht nicht entschlossen gegen die Bilanzbetrüger vor und distanziert sich nicht nachhaltig von seinen ehemaligen Kunden." Der Anwalt Pitt beriet vor seiner Berufung an die Spitze der Börsenaufsicht zahlreiche Bilanzprüfer, darunter Arthur Andersen - die Agentur, die geflissentlich über die Fehlbuchungen bei Enron hinweggesehen und Beweismaterial vernichtet hat.

Die Untersuchungen gegen Enron gehen übrigens weiter. Am Montag legt der Senat einen Report vor, nach dem der Vorstand des einstigen Energieriesen direkt und persönlich verantwortlich sei für dessen Zusammenbruch. Der Kongress beschäftigt sich zeitgleich mit WorldCom, doch dürfte man am Montag nicht viel weiter kommen. Finanzchef Scott Sullivan wird wohl von seinem Schweigerecht Gebrauch machen, auch andere Vorstandsmitglieder dürften nicht viel Neues enthüllen.

Sullivan ist übrigens ein Musterbeispiel für die unzureichende Verfolgung Wirtschaftskrimineller. Er hat sich in Florida für nicht eben redlich erworbene 15 Mio. $ eine Villa gebaut, die an die Architektur südamerikanischer Großgrundbesitzer erinnert, und die dem Mann ein gutes Stück Strand zum privaten Sonnen sichert. Haus und Hof können Sullivan nicht weggenommen werden, egal welcher Verbrechen er einmal für schuldig befunden würde - das Gesetz in Florida sieht das so vor. Gouverneur im Palmenstaat ist übrigens nach wie vor Jeb Bush, der Präsidentenbruder, und der zeigt sichtlich wenig Engagement, wenn es um härteres Durchgreifen gegenüber Wirtschaftskriminellen geht.

Allerdings hält sich auch das Engagement der übrigen Bushs in Grenzen. Während "die Rede gut voran kommt", wie der Präsident am Morgen verlauten ließ, trifft er sich am Mittag mit seinem Vater zu einer Partie Golf. Bush hat das ohnehin lange Wochenende auf seinem Landsitz in Maine noch einmal um einen Tag verlängert. Durchgegriffen wird morgen.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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