Die Börsenkolumne aus New York
Inside Wall Street - Hoffen, Warten, Trinken

Art Cashin ist zum Feiern zumute. Doch ist es nicht der Markt, der ihm Laune macht. Der Parkettchef der Investmentbank UBS Paine Webber feiert "Flag Day", den Tag der "Stars & Stripes", die vor 225 Jahren zum ersten Mal flatterten.



NEW YORK. Entworfen hat die Flagge, so erzählt Cashin auf dem Parkett der Wall Street, ein gewisser Francis Hopkinson - der für seine Arbeit nie entlohnt wurde. Sein Engagement hat sich nicht ausbezahlt, und damit ging es Hopkinson nicht besser als Millionen von Anlegern am Freitag.

Die stehen mittlerweile fassungslos vor einem Markt, den niemand mehr einschätzen kann und will - weder kurzfristig noch langfristig. Nach einem Sturz ins Bodenlose am frühen Morgen rappelte sich der Dow wieder auf, die Nasdaq notierte zeitweise nur noch einen Hauch unter Normal-Null, dann ging?s wieder abwärts. Mit einer Wochenendrallye, die einen Bärenmarkt ohne langfristigen Optimismus auszeichnet, ist am heutigen Freitag nicht unbedingt zu rechnen.

Zu schwer wiegen die Warnungen aus dem Telekom-Sektor, zu schwer die Abstufungen im Software-Bereich. Letztere lassen Anleger unterdessen nicht nur an den Aktien zweifeln, sondern erneut an den Analysten selbst. Regelmäßig stuften die zuletzt Aktien ab und revidierten Erwartungen, nachdem die jeweiligen Unternehmen gewarnt hatten - zum Wochenende in den Fällen Sprint und Adobe Systems. Vorrausschauend ist das nicht, viel Marktkenntnis lässt sich aus nachhinkenden Bewertungen auch nicht ablesen.

Bewundernswert ist indes nur noch die Moral der Bullen, der Wille, Zuversicht zu streuen. Die Optimisten bemühen sich redlich, an jeder Medaille zwei Seiten zu sehen, sogar am letzten verkohlten Brikett. Zu dem dramatischen Absturz des Verbrauchervertrauens fällt Merrill Lynchs Strategen Bruce Steinberg ein, dass die Umfrage der Universität Michigan nicht repräsentativ, da nur unter 200 Leuten durchgeführt sei, dass die Ergebnisse volatil seien, dass die jüngsten Terrorwarnungen und Selbstmordattentate die Stimmung vordergründig trübten. Dem Markt tut Steinberg mit seiner Analyse keinen Gefallen: Denn wenn der Indikator so wenig aussagen würde, ist unklar, warum der Markt auf einen positiven Indexstand so gerne eine Rallye startet.

Die Prise Optimismus, die Anleger gerne ins Wochenende mitnehmen, kommt dieses Mal von David Bowers, dem Chefstrategen bei Merrill Lynch. Die wichtigsten internationalen Indikatoren, so der Experte, deuten auf ein stärkeres globales Wachstum hin als man bisher erwartet hatte. Zwar dürften Japan und Deutschland eine bessere Performance zeigen als die internationalen Märkte, doch gehe es auch in den USA aufwärts. Zahlen nennt Bowers keine, die wären im allgemeinen Freitagsfrust aber ohnehin untergegangen.

Mangels guter Nachrichten - dass die US-Kicker dank der schwachen Portugiesen die Qualifikation für das Achtelfinale geschafft haben, interessiert im Land von Foot-Base-Basketball nicht - werden es viele am Abend wohl doch Art Cashin gleich tun. "Gehen Sie in die ,Old Glory Lounge? und nehmen Sie ein paar Drinks", empfiehlt das Urgestein des New Yorker Handels.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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