Die Börsenkolumne aus New York
Inside Wall Street: Konjunktur stark, Misstrauen stärker

Einige Konjunkturdaten signalisieren, dass Industrie und Verbraucher optimistisch gestimmt sind. Doch diese Signale können die anhaltende Vertrauenskrise, die sich durch alle Bereiche des Aktienmarktes zieht, nicht beenden.

NEW YORK. Nur eine einzige Zahl hätte die Wall Street vor dem Wochenende ins Plus retten können: der Index der Bestellungen langlebiger Güter. Auf den war als einziges Konjunkturbarometer einigermaßen gespannt gewartet worden, doch was eine Wochenschluss-Rally hätte auslösen können verpuffte im Frustnebel, der seit Wochen über das New Yorker Parkett wabert.

Die Bestellungen langfristiger Güter, zu denen im Konsumsektor Autos und Kühlschränke, im Industriesektor Trucks und große Maschinen gehören, gelten als eines der zuverlässigsten Barometer der konjunkturellen Entwicklung, da sie viel über Optimismus und Pessimismus derer aussagen, die faktisch Geld in den Markt bringen: Industrie und Verbraucher. Mit April-Bestellungen von 1,1% über den März-Zahlen setzt schon der Basisindikator ein gutes Zeichen. Volatile (und wenig marktbewegende) Sektoren wie die Rüstungsbranche herausgerechnet steht sogar ein Plus von 3,4% zu Buche. Das ist fast viermal so gut wie Analysten prognostiziert hatten.

Warum zündete der Funken nicht? Vor allem, weil sich die anhaltende Vertrauenskrise durch alle Bereiche des Aktienmarktes zieht. Den konjunkturellen Aufschwung an sich zweifeln die Experten nicht an - erst am Morgen hat Goldman Sachs eine aktuelle Studie vorgelegt, man geht von einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 3% im laufenden zweiten Quartal aus.

Doch will darauf niemand setzen. Zu pessimistisch sind Analystenkommentare im High-Tech-Bereich. Kaum ein Brokerhaus, das die Software-Prognosen noch nicht zurückgefahren hat. Gerüchte um langfristige Investitionskürzungen bei Intel. Die Telekomschwäche, unter der die Netzwerker leiden. Vordergründig gute Unternehmensgewinne, die sich bei näherem Hinsehen als vergängliche Erfolge drastischer Kostensenkungen erweisen. Anhaltend schwache Umsätze. Hand auf?s Herz: Die Kommentare der letzten zwei, drei Wochen motivieren den Käufer nicht.

Anleger hinters Licht geführt

Dazu kommt der Frust über die Beilegung eines der größten Börsenskandale aller Zeiten. Anleger begrüßten die Einigung von Merrill Lynch mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt Anfang dieser Woche nur kurz. Nun fällt immer mehr Kritikern auf, was die Bank da für ein Schnäppchen gemacht hat. 100 Mio.$ Strafe scheinen nicht hoch genug, die wirklich teuren Prozesse dürften sich über Jahre hinziehen. Und die Reformen, die Merrill Lynch aufgedrückt bekam und die andere Häuser übernehmen wollen (allen voran die Citigroup-Tochter Salomon Smith Barney, die ebenfalls im Kreuzfeuer steht), hören sich allenfalls pragmatisch an. Dabei laufen sie nur auf das Quäntchen Selbst- und Fremdkontrolle hinaus, dass man von Analysten und Börsenaufsicht ohnehin schon immer erwartet hatte. Der Anleger wurde übelst hinters Licht geführt, und alles was er nun hört ist: Sorry, kommt nicht wieder vor!

So sind nicht Zahlen und Daten, nicht Umsätze und Gewinne das Problem der Wall Street. Was indes das tiefe Misstrauen der Anleger beruhigen kann, bleibt abzuwarten. Einige Experten hoffen einfach, dass es günstige Einstiegskurse sind, die den Investor bei seiner Gier packen - möglichst noch vor dem Sommer. Für die warmen Monate rechnen viele mit einer Rally, doch auch darauf möchte niemand setzen.

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