Die Börsenkolumne aus New York
Inside Wall Street: Parsons Blues und der „Baum der Hoffnung“

Richard Parsons, der neue CEO von AOL Time Warner, will mit einem Fünf-Punkte-Plan das Unternehmen wieder auf Vordermann bringen. Doch Beobachter reagierten darauf so enttäuscht wie auf Ankündigungen aus dem Hause IBM.

NEW YORK. Viele sind hier zu Ruhm gekommen, die dunklen Wände im historischen Apollo Theater sprechen Bände. Ella Fitzgerald und Michael Jackson standen hier auf der Bühne als sie noch niemand kannte, und alle rieben am "Baum der Hoffnung", jenem hölzernen Stumpf am linken Bühnenrand, der einst in Harlems Zentrum wuchs und unter dem sich die Schwarzen sammelten, wenn sie auf Arbeitssuche waren.

Auch Richard Parsons rieb den "Baum der Hoffnung", als er am Donnerstagmorgen auf die Bühne im Apollo ging, doch ist Parsons kein Soulstar und kein Rapper, sondern der neue CEO von AOL Time Warner, und damit der Chef des weltgrößten Internet- und Medienkonzerns. Als solchem liegt Parsons der Blues näher. Denn dem Unternehmen geht es seit der umstrittenen und langwierigen Fusion des Internetriesen AOL mit dem Medienkonzern Time Warner als andere als gut, die Aktie fällt seit einem Jahr unaufhaltsam und notiert bei nur noch 18 $. Vor 12 Monaten hatte das Papier noch 56 $ gekostet.

Einen Fünf-Punkte-Plan stellte Parsons seinen Aktionären im Apollo vor, mit dem er das Unternehmen wieder zu altem Glanz und den Aktienkurs in attraktivere Gefilde führen will. Der Plan geht so: 1.) Die eigentlich hochprofitable aber schlecht gemanagte Internetsparte wieder beleben. 2.) Beim Anleger Glaubwürdigkeit herstellen. 3.) Integrität der Bilanz waren, Schulden abbauen. 4.) Abläufe vereinfachen und Kosten sparen. 5.) Mitarbeiter motivieren. - Das alles hört sich plausibel an und ist für Investoren zunächst so hilfreich wie der Tipp für einen sieglosen Marathonläufer, er solle eben schneller rennen.

"Überzeugende Konzepte gibt?s keine", schimpfte ein Anleger nach dem Meeting, "Ich habe nichts gehört, was ich nicht schon wusste", sagte ein anderer. Zumal sich Parsons um Vorgaben in Zahlen drückte, die Investoren eigentlich erwartet hatten. Erst Ende Juni will er die Marschtabelle für die Internetsparte vorlegen. So lange müssen sich Anleger gedulden, und so lange dürfte es mit der Aktie noch weiter abwärts gehen.

Eine Parallele zu AOL gibt es am Donnerstag: IBM. "Big Blue" hatte am Mittwoch zu einem Analystentreffen geladen - und auch keine nennenswerten Informationen ausgegeben. Die Aktienbewerter reagieren verschnupft, ärgern sich über das "Non-Event" beim Computerriesen und prophezeien angesichts eines Ideenvakuums im Management weitere Kursstürze: Bis auf 75 $ soll die Aktie fallen, sagen Pessimisten.

Wenn es mit AOL Time Warner weiter abwärts geht, stellt sich die Frage nach Richard Parsons Zukunft. Ein gutes Dutzend Top-Manager aus dem High-Tech-Sektor haben in den letzten 2 Wochen ihre Jobs verloren oder gekündigt. Für den Fall, dass auch Parsons einmal arbeitslos sein sollte, bleibt ihm der Gang zurück zum "Baum der Hoffnung". Doch der hat seit Jahrzehnten keinem mehr einen Job gebracht - abgesehen von ein paar Musikern, die im Apollo eine Weltkarriere starteten.

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