Die Börsenkolumne aus New York
Inside Wall Street: "US-Bosse zur Strafe nach Leipzig"

Amerika steht gerne im Mittelpunkt, soweit so gut. Die weltgrößte Wirtschaftsmacht ist in Sachen Selbstdarstellung alles andere als bescheiden. Bei Kritik am eigenen Wirken zeigt man gerne mit dem Finger auf andere.

WSC NEW YORK. Amerika steht gerne im Mittelpunkt, soweit so gut. Die weltgrößte Wirtschaftsmacht ist in Sachen Selbstdarstellung alles andere als bescheiden, das wissen alle. Denn: Als politische Supermacht gibt man schließlich gerne den Ton an. Doch seit einigen Wochen ist den Amerikanern allzu viel Aufsehen eher unangenehm, besonders dann, wenn sich das Ausland in Sachen USA zu Wort meldet - denn dort ist man zunehmend kritisch.

Um von den eigenen "Skandalschauplätzen" abzulenken, zeigt man gerne mal mit dem Finger auf andere, so wie jüngst der Ökonom und Buchautor Paul Erdmann. Einer seiner Artikel macht an der Wall Street die Runde, in dem er seine giftigen Pfeile auf die deutsche Regierung schießt. Dass diese in der vergangenen Woche die milliardenschweren Finanz-Skandale in US-Unternehmen zum Anlass nahm, die ewige Führungs- und Vorbildrolle Amerikas in Frage zu stellen, ist für Erdmann Grund für eine Abreibung, die sich gewaschen hat.

"Niemals wieder - never again!"

"Das deutsche Modell unter der Führung von Schröder und seinen "Sozialisten" ruft auch nicht gerade den Neid der anderen Nationen hervor", höhnt Erdmann, bevor er die Verfehlungen des Kanzlers aufzählt. 9,7 % Arbeitslosigkeit im Bundesgebiet und 20 % im Osten, ein schwacher Dax und ein fast gedrittelter Nemax hätten die Deutschen desillusioniert. Für die Mittelklasse, die Millionen an den Börsen verloren habe, fällt Erdmann ein Slogan der Nachkriegszeit ein: "Niemals wieder - never again!"

Dass ein solches Zitat einen Artikel schnell zum bösen Pamphlet machen könnte, schert Erdmann wenig. Und auch vor einer völlig an den Haaren herbei gezogenen Lösung für die US-Skandale schreckt er nicht zurück. "Statt die gierigen Jungs von WorldCom, Enron und Tyco in den USA einzusperren und sie irgendwann auf Kaution rauszulassen, sollten wir sie einfach nach Deutschland schicken. Da können sie in einem dunklen Apartment in Leipzig hocken und das (arbeitslose) Leben genießen, dass die Sozialisten hinterlasen haben. Lasst sie Wurst essen!"

Es ist ganz erstaunlich, mit welcher Dreistigkeit Erdmann Probleme der USA auf andere Staaten überträgt und mit welcher Genauigkeit er deutsche Sorgen beschreibt, die genau dieselben sind wie im eigenen Land. Aber es muss gut tun, einmal über andere zu lästern - vor allem wenn die es wagen, den Meister Sam zu kritisieren. Ein Blick auf die Märkte am Mittag gibt Erdmann aber recht: Dow und Nasdaq sind im Plus, sein Ablenkungsmanöver und der Trubel um Brasilien haben Investoren wieder einmal von der eigenen Krise abgelenkt.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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