Die Börsenkolumne aus New York
Klatsch oder Expertise: Wohin führt 2003?

Wenn der Markt schon in den vergangenen Tagen mehr oder weniger orientierungslos vor sich hin dümpelte, so gilt das verstärkt für die letzten Tage des Jahres. Sicher, einige Unternehmen melden noch Zahlen und mancher blickt auf Konjunkturdaten, doch viele Anleger haben 2002 bereits abgehakt und machen sich Gedanken über das neue Jahr. Wird es ein besseres für die Börse?

wsc NEW YORK. Keine Frage wird in diesen Tagen häufiger gestellt. "Wo siehst du den Dow im nächsten Jahr?", "Glauben Sie, es geht noch einmal runter?" - die Frage ist immer die gleiche, Antworten unterdessen gibt es viele und höchst unterschiedliche.

Dr. Irwin Kellner, Professor für Volkswirtschaft an der New Yorker Hofstra-Universität, sieht die Ausgangsposition für das neue Jahr deutlich besser als das vor dem Januar 2002 der Fall war. Er fasst zusammen: "Als dieses Jahr begann, musste Amerika mit den Terrorangriffen auf das World Trade Center fertig werden. Niemand wusste, wohin ein eventueller Krieg gegen Afghanistan führen würde. Die Rezession war noch nicht vorbei, und dann hatten sich Anleger auch noch mit Bilanzskandalen, dem Versagen der Kontrollinstanzen und falschen Analysten herumzuschlagen."

In der Tat: Zu Beginn des jetzt endenden Jahres brachen schlechte Nachrichten reihenweise über die Wall Street, und einen Steinwurf entfernt roch man noch den Rauch, der aus den Trümmern des 11. September stieg.

Einige Probleme, das gibt auch Kellner zu, sind bis heute ungelöst: Die hohe Arbeitslosigkeit ist weiter gestiegen, die zuvor schwachen Investitionen der Unternehmen sind indes noch weiter gefallen. Im Produzierenden Gewerbe werden zur Zeit nur knapp 75 % der Kapazitäten genutzt, so wenig wie seit den frühen Achtzigerjahren nicht mehr.

Andererseits sähe der Markt einige Faktoren, die das neue Jahr überschaubarer machen sollten. Kellner: "Jetzt stehen wir wieder vor einem Krieg, aber schon sehr früh im Januar sollte sich entscheiden, ob es einen militärischen Angriff gegen den Irak geben wird oder nicht - schon aus logistischen Gründen." Auch sei die neue Konzentration des bisher eher um Kriegsfragen bemühten Präsidenten George W. Bush auf die Konjunktur löblich. 2003 ist das Jahr vor den Wahlen, Bush macht die Wirtschaft zur Chefsache, weil er weiß, dass sich mit Krieg allein keine Wahlen gewinnen lassen. Das hat er von seinem Vater gelernt.

Ein Blick in die Statistik stimmt hoffnungsfroh. Seit 1993 gab es in den USA 25 Präsidentschaftswahlen. In 20 Fällen kletterten die Börsen im Jahr zuvor, in nur fünf Fällen ging?s bergab. Noch eindrucksvoller ist die Statistik seit 1943: In jedem einzelnen Vorwahljahr haben die US-Märkte zugelegt. In 11 von 15 Fällen sogar im zweistelligen Prozentbereich.

Kellner ist also optimistisch, wenngleich er sich nicht zu einer Prognose hinreißen lässt. Das machen zur Zeit überhaupt nur wenige. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Mehrheit der Analysten vor zwölf Monaten grausig daneben gelegen hatte. Oder damit, dass sich ohnehin niemand mehr für das Geschwätz der einstigen Wall Street-Gurus interessiert, deren Häuser sich erst am Freitagmittag auf eine Strafzahlung von mehr als 1 Mrd. Dollar für ihre Verfehlungen der vergangenen Jahre geeinigt haben.

Wenn es in diesen Tagen auch wenig Prognosen gibt, so gibt es doch einige Tipps, die Experten dem Laien mitgeben, und die auch manchem Experten nützlich sein könnten. Ganz grundsätzlich warnt Steve Hochberg von Elliott Wave International: "Wenn Sie in den Markt gekommen sind, um Geld zurück zu holen, das Sie im letzten Jahr verloren haben - dann steigen Sie schnell wieder aus. Es ist ein Spiel mit dem Feuer."

Auch Joe Duarte, Fond-Manager aus Dallas und Autor mehrerer Investmentbücher, weiß bei allem Pessimismus nur einen Rat: "Lesen Sie mehr, vor allem Nachrichten aus der Politik, und konzentrieren Sie sich auf Ereignisse im Nahen Osten, im Umfeld der OPES und im Energiesektor." Und fast schon zynisch bemerkt er: "Lernen Sie, wie man mit Shorts umgeht, und wie man Verluste begrenzt."

Beruht dieser Pessimismus auf Insiderwissen oder ist er Expertenklatsch? Hat der optimistische Marktkenner Kellner recht oder einer seiner warnenden Kollegen. Ein wenig ironisch klingt, was Bernie Schaeffer von Schaeffers Investment Research sagt: "Schauen Sie genau hin, was die Experten am Jahresende prophezeien, und lesen Sie genau nach, was die Magazine als Konsens der Wall Street ausgeben. Machen Sie dann genau das Gegenteil!"

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