Die Börsenkolumne aus New York
Kolumne: Solidaritäts-Rallye auf schwachem Fundament

Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, so hatte der 11. September 2001 begonnen, und so sieht es auch am ersten Jahrestag der Katastrophe aus. Und abgesehen von Schaufenster-Dekos voller Erinnerung und Trauer zeigt sich New York am Morgen auch sonst wie an jedem anderen Tag. Trotz Alarmstufe "Orange" ist nicht mehr Polizei unterwegs als sonst, und die Börse zeigt sogar eine Rallye.

Es handelt sich wohl um eine Solidaritäts-Rallye, denn es gibt eigentlich kaum Nachrichten, auf die Dow und Nasdaq aufbauen könnten. Diese Solidaritäts-Rallye - der Dow legt bis zum Mittag 66 Punkte zu, die Nasdaq verbessert sich um 15 Zähler - kommt für viele Experten überraschend, die viel eher damit gerechnet hatten, dass Aktionäre Panikverkäufe starten könnten, selbst wenn es zu keinen weiteren Angriffen kommen würde.

Tatsächlich scheint es am Mittwoch ruhig zu bleiben, die Terrorwarnungen des FBI hatten zwar im Vorfeld für Aufregung gesorgt, doch ist auf den Straßen auch im Financial District Zuversicht spürbar. An der Börse allerdings ist durchaus nicht jeder der Meinung, dass man den Markt hätte öffnen müssen. Zumindest am ersten Jahrestag hätten manche Trade die New York Stock Exchange gerne geschlossen gesehen - zu viele Opfer hatte es schließlich in der Branche und damit im engsten Umfeld des Parketts gegeben. Nur eines schein unumstritten: Einen festen Feiertag soll es am 11. September nicht geben.

Der Handel hat in New York sehr spät begonnen. Eigentlich hatte die Wall Street um 11 Uhr eröffnen sollen, doch da waren die Gedenkfeiern auf Ground Zero noch in vollem Gange, die Namen aller Opfer noch nicht vorgelesen. Der frühere Bürgermeister Rudy Giuliani hatte mit der langen Liste begonnen, unterstützt wurde er von Außenminister Colin Powell, Senatorin Hillary Clinton, Prominenten und Angehörigen.

Ansonsten gab man sich während der Trauerfeiern patriotisch - Politiker rezitierten aus drei der berühmtesten Reden der amerikanischen Geschichte: Bürgermeister Bloomberg, für den die Wall Street bekanntes Terrain ist, sprach über die "Vier Freiheiten" von Franklin D. Roosevelt, und Gouverneur George Pataki las aus der Gettysburg-Rede von Abraham Lincoln, in der dieser nach gewonnener aber verlustreicher Schlacht "den größten Friedhof Amerikas" als Symbol für ein neues, starkes Land sieht.

Gemeinsam läuteten Pataki, Bloomberg und Giuliani erst um 12 Uhr mittags die Eröffnungsglocke, nachdem Feuerwehrmann Daniel Rodriguez die Nationalhymne gesungen und damit zwei Schweigeminuten beendet hatte. Rodriguez ist einer der vielen Helden, die Amerika im vergangenen Jahr vertreten haben, und er ist einer von vielen, die in dieser Woche anstelle der CEOs den Handel ein- und ausläuten. Das Gedenken an den 11. September dominiert also auf dem Parkett, vom Alltag ist man am Mittwoch ein ganzes Stück weit entfernt, was wiederum Schlüsse auf die Stabilität einer Solidaritäts-Rallye zulässt. Bei niedrigem Volumen und im gegebenen emotionalen Umfeld dürfte sie nicht allzu stabil sein.

Darauf deuten auch die Anmerkungen der Fed-Präsidenten im "Beige Book" hin, und auf diese reagiert der Markt bereits, wenngleich sich die großen Indizes (noch) im Plus halten können. Im "Beige Book" haben die Experten ihre Aussichten auf weiter nur schwaches und unregelmäßiges Wachstum festgehalten, der Einzelhandel zeige weiter Schwäche, heißt es, und die Aktivitäten im Produzierenden Gewerbe ließen ebenfalls zu wünschen übrig.

Außerdem erklären die Vorsitzenden der 12 regionalen US-Notenbanken, dass dich der Arbeitsmarkt in ihren jeweiligen Regionen nicht oder nur in geringem Maße verbessere.

Das "Beige Book" dient der Notenbank als Sitzungsvorlage am 24. September, wenn man in Washington erneut über die Zinspolitik verhandelt. Experten rechnen mit einer weiteren Zinssenkung in den nächsten Monaten, nach den Nachrichten vom Mittwoch ist das nicht unwahrscheinlich.

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