Die Börsenkolumne aus New York –
Kolumne: Zwei Reden verlangen nach Weitblick

Business as usual - das heißt an der Wall Street, es geht wieder abwärts. Denn einen Tag nach dem Jahrestag der Terror-Anschläge konzentriert man sich nicht länger auf Gerüchte und Befürchtungen, sondern wieder auf die handfesten Nachrichten. Zwei Reden stehen im Mittelpunkt des Interesses, und beide sind ebenso wichtig wie schwierig zu interpretieren.

Zunächst hörten Markt- und politische Beobachter zu, als US-Präsident George W. Bush vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zur Irak-Krise sprach. Entschlossen erklärte er den Abgeordneten aller Mitgliedsstaaten - darunter auch die Vertreter aus Irak, Kuwait und Afghanistan - die Gefahr Saddam Hussein, und relativ unverblümt kündigte er einen Militärschlag gegen die Wüstendiktatur an. Mit oder ohne UN-Unterstützung, um die er aber bedächtig warb.

Auf einen ohnehin schwachen Markt hatte die Bush-Rede zunächst keinen Einfluss. Denn Analysten sind sich nicht einig darüber, wie sich ein Krieg auf die US-Märkte auswirken dürfte. Manche sehen einen Krieg als Chance für den Markt, was aber zunächst einmal nur für wenige Branchen (Rüstung, Öl) zutreffen wird, während andere Sektoren unter einem Angriff zu leiden hätten, vor allem diejenigen, die von Verbraucherausgaben abhängig sind. Denn das Konsumverhalten der Bürger ging bisher in jedem Krieg zurück.

Manche Optimisten halten einen Schub für die US-Märkte für möglich, wenn die UN ihre Unterstützung ankündigt. Davon ist man am Donnerstag aber noch weit entfernt. Etwas euphorisch klingt, was sich manche Experten von einem Krieg versprechen, was dem Markt aber langfristig helfen würde: Ruhe im Karton! Ein Krieg, der letztlich zu Ruhe und Frieden im Mittleren Osten führt, würde in der Tat nicht nur dem Dow sondern der Welt und den Weltmärkten gut tun, ist aber im Moment wohl eher eine Wunschvorstellung als ein Konzept. Investoren finden sich auf solche Ideen nicht.

Ebenfalls keine Regung zeigt der Markt auf die Rede von Fed-Chairman Alan Greenspan, was aber nun weniger der Ratlosigkeit der Anleger zuzuschreiben ist als den Aussagen des obersten Währungshüters. Denn der schaffte es diesmal, nicht nur seine übliche Mischpoke aus langfristigem Optimismus und kurzfristigen Warnungen zu verlesen, sondern geschickt zwischen Ratschlägen und Streicheleinheiten abzuwägen.

Für die Regierung fand Greenspan klare Worte. Die müsse ihr Finanzgebaren dramatisch ändern. Vor allem Greenspans Urteil, die USA gebe zuviel Geld im neu gegründeten Ministerium für Innere Sicherheit aus, kam einen Tag nach dem Terror-Gedenken mutig und überlegt. Kosten senken sei die Devise, so Greenspan, ansonsten gehe es weiter abwärts - und zwar in eine Rezession, wenngleich der Chairman dieses Wort nicht benutzte.

Um durch seine eigene Rede dem Markt nicht allzu sehr zu schaden, ruderte Greenspan allerdings geschickt zurück. Noch laufe man keine Gefahr, in einen weiteren Minus-Trend zu schlittern. Noch habe man alle Klippen sauber umschifft. Dass die amerikanischen Märkte im letzten Jahr so dramatisch verloren haben, scheint Greenspan gar nicht so wild, schließlich habe man mit den Terroranschlägen, der Vertrauenskrise, sinkenden Ausgaben der Unternehmen und - nicht zuletzt - mit einem in Folge schwachen Aktienmarkt zu kämpfen, der sich seinerseits wieder auf die Wirtschaft niederschlägt.

Welche Politik man auch einschlagen wird, eines ist sicher: Die Probleme, die Amerika und der Weltmarkt zur Zeit haben, verlangen nach einer langfristigen Lösung, müssen mit Weitblick angegangen werden. Da ist es nur richtig und ein gutes Symbol, dass sich am Donnerstag auch die Börse nicht auf zwei Reden zum Thema stürzt und Kurse verschiebt. Man wartet ab.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%