Die Börsenkolumne aus New York
Kolumne: Zwischen Panik und Optimismus

Die Stimmung an der Wall Street ist nur noch schwer zu fassen. Sicher: Börse ist Psychologie, aber selten waren die Gemüter der Anleger so verwirrt wie in diesen Tagen. Die Anleger selbst können da nicht viel dafür, es prasseln einfach zu viele optimistische Marktanalysen und zu viele schreckliche Terrorwarnungen aufs Parkett, als dass das noch irgendjemand ordnen könnte.

Einen Tag vor dem 11. September, dem Jahrestag der Attacken auf das World Trade Center, warnt das FBI vor drohenden Anschlägen. Am Mittag hat das Ministerium für Innere Sicherheit ("Homeland Security") die Terror-Alarmstufe auf orange angehoben, das bedeutet in Fachkreisen "Hoch". Mehr Informationen rückt man nicht heraus. Das ist alles andere als klug, denn so schüren die Behörden Unsicherheit und Panik vor einem Datum, das ohnehin schon die Massen verstört.

Fast scheint es, als müsse sich jeder Polizist, jeder Politiker, jeder Minister noch einmal als Warner hervortun, um nachher im Ernstfall nicht als naiv und leichtsinnig dazustehen. Doch dieser Aktionismus nützt niemandem. Umsichtig wird man am Mittwoch ohnehin sein - vielen wird es allerdings schwer fallen, die Ruhe zu bewahren. Es ist kaum vorstellbar, was passiert, wenn nur ein Broker seinen Aktenkoffer einen Moment in der Lobby stehen lässt oder ein Lieferant ein Päckchen ins Büro trägt. Mit den Warnungen von Bush, Ashcroft und dem FBI im Ohr sind Panikattacken beim kleinsten Ereignis nicht mehr auszuschließen.

Dabei ist zur Zeit noch alles ruhig. In der U-Bahn, auf der Straße, vor der Börse, in den Bars fällt nicht auf, dass der 11. September naht. Am Montagabend saßen die New Yorker in proppevollen Kneipen und sahen dort nicht die Nachrichten, sondern das Spiel der New England Patriots gegen die Pittsburgh Steelers. Und wenn sie morgens und abends einen der Börsensender anschalten, dann läuten Helden die Start- und Schlussglocke an der Wall Street, und die Helden sagen: Wir sind da für euch, wir schaffen das, ihr müsst keine Angst haben.

Das ist die Propaganda, die auch die Regierung Bush streuen müsste. Bilder von Zusammenhalt und Stärke beruhigen die Amerikaner, vage Warnungen gefährden die Innere Sicherheit in einer ohnehin angespannten Lage.

Dass sich das auf den Handel nicht auswirkt, scheint fast wie ein Wunder. Doch sind die Gewinne am Montag und am Dienstag auf zwei greifbare Gründe zurück zu führen. Zum einen haben sich Investoren in einer Umfrage überraschend bullish über den Aktienmarkt geäußert. 47 % der Anleger gehen davon aus, dass der Dow in den nächsten zwei bis drei Jahren wieder über die 10 000-Punkte-Marke klettert, nur 9 % haben ihr Vertrauen in Aktien als Geldanlage verloren.

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