Die Börsenkolumne aus New York
Kommentar: Warten auf Godot

Es war ein guter Start - trotz einer Warnung von Nokia kletterten die Märkte am frühen Morgen. Dann fielen sie wieder ins Minus, rappelten sich wieder auf, und das alles in flachen Kurven und bei niedrigem Volumen. Die Wall Street ist ein "Waiting Game", der Markt wartet auf alles mögliche und weiß nicht, was kommt.

Eine ganze Reihe von Problemen drücken in diesen Tagen auf den Markt, die allein die Zeit lösen kann. Schnelle Entscheidungen sind nicht zu erwarten, und so deutet vieles darauf hin, dass das flache Auf und Ab, das lustlose Pendeln der Märkte noch eine ganze Weile dauern wird. Wladimir und Estragon sitzen zwei lange Akte auf der Bank und warten auf Godot und die Erlösung und eine Erklärung und eine Zukunft, und wie lange die zwei Akte an der Wall Street dauern, steht in den Sternen: noch zwei Wochen, zwei Monate... man weiß es nicht.

Zunächst ist es natürlich eine Entscheidung in der Irakfrage, auf die der Markt wartet. In einen Krieg hinein will niemand investieren, Wochenendrallyes gründen seit einiger Zeit auf der Angst der Shortseller. Selbst die wollen über zwei handelsfreie und geopolitisch völlig ungewisse Tage keine Positionen halten. Verständlich, denn nie war eine Entscheidung über Krieg und Frieden so offen wie zur Zeit.

Während die USA weiter nach Verbündeten für ihren Feldzug im Golf suchen, droht ihnen völlig überraschend der wichtigste Bündnispartner wegzubrechen. In Großbritannien werden Stimmen laut, die einen Rücktritt von Premier Tony Blair fordern, der den US-Kurs nach wie vor ohne Mandat seines Volkes geht, und dem selbst aus den eigenen Reihen erbitterter Widerstand entgegen schlägt. Was die USA ohne Großbritannien machen würde ist unklar. Ganz alleine (mit Spanien und Bulgarien) ließe sich ein Krieg noch weniger vermitteln als dies ohnehin schon der Fall ist.

Ohne einen Krieg hat allerdings George W. Bush ein Problem. Der Präsident würde unter den Hardlinern im eigenen Land als Verlierer dastehen, die Wähler würden ihm die unnötigen Milliardeninvestitionen in einen Krieg nie verzeihen und - viel schlimmer - wieder konzentriert auf die Politik im eigenen Land schauen, wo die Konjunktur in Scherben liegt und ein Bilanzdefizit in den Himmel wächst.

An der Entscheidung über einen Krieg hängt auch die weitere Politik der Opec. Die Gemeinschaft der Öl fördernden Staaten hat in Wien erklärt, im Falle eines Krieges die Produktion hochfahren zu können - und das war schon mehr als Experten im Vorfeld erwarten konnten. Vor allem die arabischen Staaten wollten eigentlich vermeiden, ein Zeichen in Richtung Krieg zu setzen, allein, angesichts der Tatsache, dass die Kapazitäten und die aktuelle Auslastung von 98 % bekannt sind, machte eine Debatte in der Opec an den Weltmärkten zur Formsache.

Weitaus schwieriger hat es die Notenbank, die in der nächsten Woche zusammentreten wird, um über die weitere Zinspolitik zu entscheiden. Wenngleich sich mancher an die Monate erinnern mag, in denen eine erste Erhöhung der Leitzinsen auf dem Parkett diskutiert wurde, dürfte es in genau einer Woche in Washington eher darum gehen, ob das Gremium um Alan Greenspan die Sätze noch einmal zurückfahren muss. "To ease or not to ease", bemüht der Volkswirtschaftsprofessor Irwin Kellner Shakespeares Hamlet, "das ist hier die Frage."

Ob eine weitere Zinssenkung noch einmal eine Welle von Refinanzierungen im Baugewerbe auslösen wird, ist in Folge der Fed-Sitzung ebenso offen wie die Frage, was über kurz oder lang mit den IT-Investitionen passiert. Die sollten einigen Sehern zufolge schon Anfang 2003 steigen, mancher tippte eher auf Ende des Jahres und am Dienstagmorgen wollen die Marktforscher von Gartner erfahren haben, dass sich ein Abstieg der so wichtigen Ausgaben sogar bis nach 2004 verschieben könnte.

In der Diskussion um Investitionen fällt der Blick auf die Bilanzen der Unternehmen. Wann kommen die Gewinne zurück? Noch in diesem Monat dürfte sich eine ganze Reihe von Unternehmen zu den Ergebnissen für das laufende erste Quartal äußern. Schließlich hat der letzte Monate des Vierteljahres begonnen, und in Industrie und Hightech, Chemie und Einzelhandel dürften gesicherte Erkenntnisse darüber vorliegen, ob abgestrebte Ziele erreicht werden oder nicht. Allein, sie werden zögerlich veröffentlich, unter anderem weil nach all den anhaltenden Bilanzdiskussionen immer noch nicht klar ist, was Investoren in die Gewinne eingerechnet sehen wollen und was nicht.

Dabei wäre das ganz einfach, würden sich Vorstände in der Bilanzerstellung einmal auf das beschränken, was wirklich da ist. Auf das Sein und nicht den Schein. Doch wer dachte, dass man aus den Bilanzskandalen des vergangenen Jahres gelernt habe, der hat sich getäuscht. Noch immer bilanziert Corporate America nach Gutdünken, verbucht Einnahmen und Ausgaben und Pensionskassen und Umsätze wie es gerade passt. General Motors, so wurde in diesen Tagen bekannt, verbucht einen satten Gewinn in den Pensionskassen, der auf Renditeprognosen auf zehn Jahre basiert und über einen tatsächlichen Millionenverlust hinwegtäuscht.

Und auch andernorts ist allerhöchstens ein Ende der Skandale in Sicht, aber keine Lösung. Am Dienstagmorgen hat sich die Börsenaufsicht mit dem ehemaligen ImClone-Chef Sam Waksal auf eine Strafzahlung von 800 000 $ geeinigt, mit der dieser für alle möglichen Vergehen unter der Rubrik Insiderhandel büßen soll. Ein solcher Betrag ist natürlich lächerlich und legt den Verdacht nahe, dass im Sommer im Rahmen einer gigantischen Prozesswelle auch Dennis Kozlowski, Gary Winnick, Bernie Ebbers und das Enron-Trio Kenneth Lay, Jeff Skilling und Andrew Fastow nur zu Geldstrafen verurteilt wird. Das Vertrauen der Investoren in einen fairen Markt würde einen weiteren Knick erleiden und Kursgewinne würden in noch weitere Ferne geschoben.

Bei Becket taucht Godot nicht auf. Wladimir und Estragon warten umsonst, und sie versuchen sich umzubringen. Es gelingt ihnen nicht. Anleger mögen von solchen Maßnahmen Abstand nehmen - Warten müssen sie allerdings.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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